Beteiligung für alle?

Diversität in Kinder- und Jugendparlamenten stärken

Kinder- und Jugendparlamente (KiJuPas) sind zentrale Formate für die kommunale Beteiligung junger Menschen. Sie sollen demokratische Partizipation fördern und die Interessen aller jungen Menschen repräsentieren. Wie das gelingen kann, zeigt die Akademie für Kinder- und Jugendparlamente, ein Projekt des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten e.V.

12.03.2026

Kinder- und Jugendparlamente (KiJuPas), die je nach Kommune auch Jugend(bei)räte, Jugendforen oder ähnlich genannt werden, gelten als wichtiges Format kommunaler Beteiligung junger Menschen. Als repräsentatives Beteiligungsformat stehen sie für demokratische Partizipation von Kindern und Jugendlichen, die möglichst nicht nur ihre eigenen Interessen vertreten, sondern die Bedarfe aller jungen Menschen in der Kommune im Blick haben. Dafür ist es wichtig, dass eine Vielfalt an Perspektiven und Lebenswelten im Gremium vertreten sind. Vor diesem Hintergrund stellen sich zentrale Fragen in der Praxis: Wer beteiligt sich eigentlich? Wessen Perspektiven sind sichtbar und welche fehlen? Wessen Interessen setzen sich schlussendlich durch? Welche strukturellen Barrieren erschweren Zugänge? Und was bedeutet es für Fachkräfte, Kinder- und Jugendparlamente diversitätsorientiert zu begleiten.  

Zwischen Anspruch und Realität

Das Recht auf Beteiligung gilt für alle jungen Menschen. In der Praxis spiegelt sich die Vielfalt von Lebensrealitäten jedoch in parlamentarischen Beteiligungsformaten nicht automatisch wider. Studien und Praxiserfahrungen zeigen: Auch wenn Kinder- und Jugendparlamente häufig diverser zusammengesetzt sind als viele Erwachsenengremien, spiegeln sich gesellschaftliche Ungleichheiten weiterhin in Beteiligungsstrukturen wider – etwa im Hinblick auf Bildungsstand, Herkunft, Behinderung oder Geschlecht.

Die pädagogische Begleitung und formale sowie inhaltliche Gestaltung von Beteiligungsformaten beeinflusst wer sich einbringen kann und mag: Beteiligungsprozesse sind nie neutral. Strukturen, Wahlverfahren, Sitzungskulturen oder Kommunikationswege können - oft ungewollt - dazu beitragen, dass bestimmte Gruppen leichter Zugang und Gehör finden als andere. Wer bereits über sprachliche Sicherheit, zeitliche Ressourcen oder institutionelle Unterstützung und Erfahrungen verfügt, hat häufig bessere Voraussetzungen, sich einzubringen. Andere junge Menschen bleiben dagegen unterrepräsentiert oder fühlen sich von kommunalpolitischen Beteiligungsformaten nicht angesprochen.

Für Fachkräfte stellt sich daher nicht nur die Frage, wie Beteiligung organisiert wird, sondern auch für wen und unter welchen Bedingungen.

Beteiligung als Raum politischer Bildung

Gleichzeitig sind KiJuPas Orte politischer Bildung und Selbstwirksamkeit. Hier setzen sich junge Menschen mit gesellschaftlichen Fragen auseinander, erleben demokratische Aushandlungsprozesse und vertreten ihre Interessen. Politische Bildung kann dabei unterstützen, Beteiligungsräume so zu gestalten, dass möglichst viele junge Menschen ihre Perspektiven und ihr Wissen einbringen können und unterschiedliche Erfahrungen und Lebenswelten sichtbar und berücksichtigt werden. Werden Beteiligungsprozesse und Themen gemeinsam bewusst reflektiert, kann dies dazu beitragen, gesellschaftliche Machtverhältnisse besser zu verstehen, eigene Positionen zu klären und demokratische Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und zu stärken. Eine intersektionale Betrachtungsweise, die das Zusammenwirken verschiedener Ungleichheits- und Diskriminierungsverhältnisse berücksichtigt, ist dabei unabdingbar, um unterschiedliche Erfahrungen und mögliche Ausschlüsse in Beteiligunsgverfahren sichtbar zu machen und Diversität bewusst mitzudenken.

Diversität als Qualitätsmerkmal von Beteiligung

Diversitätsorientierte Beteiligung bedeutet mehr als symbolische Repräsentanz. Sie fragt nach strukturellen Zugängen, nach Machtverhältnissen und nach institutionellen Routinen. Es geht darum,

  • Leerstellen in der Beteiligungslandschaft zu identifizieren,
  • bestehende Zugangsbarrieren kritisch zu reflektieren,
  • Öffnungsprozesse anzustoßen und
  • unterschiedliche Lebenswelten junger Menschen mitzudenken.

Dabei spielen sowohl strukturelle Fragen (z. B. Wahlverfahren, Kooperationen, Ressourcen) als auch pädagogische und politische Haltungen eine zentrale Rolle. Diversitätskompetenz ist nicht nur bei jungen Menschen gefragt, sondern ebenso bei begleitenden Fachkräften und politisch Verantwortlichen.

Vielversprechende Ansätze zeigen sich insbesondere dort, wo Kinder- und Jugendparlamente mit Schulen, Jugendringen, der Offenen Kinder- und Jugendarbeit oder Migrant*innenselbstorganisationen kooperieren. Auch aufsuchende und peerbasierte Formate können dazu beitragen, neue Zielgruppen zu erreichen. Gleichzeitig braucht es Räume für Selbstreflexion: Wie stark orientieren sich KiJuPas an erwachsenen Logiken? Welche Hürden bestehen im Vorfeld? Und welche alternativen oder ergänzenden Beteiligungsformen sind notwendig, um unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden? Wie können unterschiedliche Perspektiven junger Menschen in die Arbeit einbezogen werden, auch wenn sie im Gremium selbst nicht vertreten sind?

Fachkräfte im Spannungsfeld

Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe und der politischen Bildung bewegen sich im Spannungsfeld zwischen beteiligungsorientierten Ansprüchen, institutionellen Rahmenbedingungen, kommunalpolitischen Erwartungen und den Lebensrealitäten und Erwartungen junger Menschen. Sie moderieren Prozesse, begleiten Konflikte und tragen Verantwortung für faire und diskriminierungssensible Strukturen.

Diversitätsorientierung bedeutet hier:

  • Beteiligung als macht- und diskriminierungskritischen Prozess zu verstehen
  • eigene Routinen und Annahmen zu hinterfragen,
  • strukturelle Barrieren sichtbar zu machen,
  • und gemeinsam mit jungen Menschen Beteiligungsformate und Postitionen weiterzuentwickeln.

Gerade vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Polarisierung und demokratiefeindlicher Angriffe kommt der Frage nach diskriminierungskritischen, inklusiven, widerstandsfähigen Beteiligungsstrukturen besondere Bedeutung zu.

Die oben genannten Aspekte und Ansätze gilt es daher in der Praxis zu konkretisieren, weiterzuentwickeln und zu verankern. Dafür bedarf es Unterstützung und Formate der Qualifizierung und des Austauschs für Fachkräfte und junge Menschen.

Fachtagung: „Beteiligung für alle!“

Mit dem Fachtag „Beteiligung für alle! Kinder- und Jugendparlamente diversitätsorientiert gestalten“ lädt die Akademie für Kinder- und Jugendparlamente Fachkräfte dazu ein, diese Fragen praxisnah und vertiefend zu bearbeiten.

Im Mittelpunkt stehen:

  • ein grundlegendes Verständnis diversitätsorientierter Ansätze,
  • unterschiedliche Dimensionen von Vielfalt im Kontext von KiJuPas,
  • konkrete Praxisbeispiele und Erfahrungen,
  • sowie die gemeinsame Entwicklung von Handlungsperspektiven für die eigene Arbeit.

Der Fachtag richtet sich an Fachkräfte, die junge Menschen in (kommunalpolitischen) Beteiligungsprozessen begleiten und ihre Praxis weiterentwickeln möchten.

Termin: 28. April 2026
Ort: Jugendherberge Berlin Ostkreuz, Marktstraße 9–12, 10317 Berlin
Anmeldung bis zum 13.04.2026 unterhttps://kijupa.adb.de/fachtag-diversitaet-2026/

Gemeinsam möchten wir Erfahrungen teilen, Fragen schärfen und Impulse mitnehmen, um Kinder- und Jugendbeteiligung im Sinne einer demokratischen und diversitätsorientierten Praxis weiterzudenken. 

Interessierte Fachkräfte sind herzlich eingeladen, sich anzumelden und die Diskussion vor Ort mitzugestalten.

Die Akademie für Kinder- und Jugendparlamente unterstützt bundesweit mit politischer Bildung den Aufbau, das Wirken und die Kontinuität von Kinder- und Jugendparlamenten und stärkt somit demokratische Teilhabe.  Neben Fachtagungen bietet sie eine zentrale digitale Fortbildungsreihe für Fachkräfte sowie dezentrale Qualifizierungsangebote in den Bundesländern an.

Text: Melissa Duraku

Quelle: Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. vom 04.03.2026

Redaktion: Zola Kappauf