Eine Stimme aus der Zivilgesellschaft

„Wir sind völlig auf uns alleine gestellt“

Sascha Nazar während eines Interviews im August 2021

Lwiw, ganz im Westen der Ukraine, galt im Fall eines russischen Angriffs als sicher. Aber auch in Lwiw heulten am Morgen des 24. Februar die Luftschutzsirenen. Wie gehen die Menschen damit um und was erwarten sie aus dem Ausland? IJAB hat darüber mit Sascha Nazar von der jüdischen Gemeinde in Lwiw gesprochen.

08.03.2022

Sascha Nazar arbeitet für das jüdische Wohlfahrtszentrum „Hesed-Arieh“ in Lwiw, im Westen der Ukraine. Er leitet das Lviv Volunteer Center und hat unter anderem in den vergangenen Jahren internationale Workcamps zur Bewahrung des jüdischen Erbes in der historischen Region Galizien durchgeführt.

ijab.de: Sascha, Russland hat gestern am frühen Morgen die Ukraine angegriffen. Wie hast du diesen Morgen erlebt?

Sascha Nazar: Als ich vorgestern Abend ins Bett gegangen bin, hatte ich ein schlechtes Gefühl. Ich weiß nicht, ich kann das nicht genau erklären. Wir haben mehrfach in der Nacht die Luftschutzsirenen gehört, aber niemand wusste, ob das nur eine Übung war. Um 7 Uhr rief mich dann eine unserer Freiwilligen an und sagte, „wir sind im Krieg“. Das war ein Schock, obwohl wir ja wussten, dass das passieren könnte. Ich bin dann rausgegangen, um Lebensmittel zu kaufen, weil wir in der Hesed immer am Freitagabend, zum Beginn des Shabbat, zum Essen einladen. Dafür kaufen wir am Donnerstag ein. Die Stadt war merkwürdig ruhig, nur auf dem Markt und an den Geldautomaten waren Menschen, teilweise lange Schlangen.

Es hat bereits zivile Opfer gegeben

Wie würdest du die gegenwärtige Situation in Lwiw beschreiben?

Es gibt jetzt überall Aushänge, auf denen beschrieben wird, wie man sich im Fall eines Angriffs verhalten soll, wie man versuchen kann sich zu schützen, wo Luftschutzräume sind. Der Westen der Ukraine ist bisher einigermaßen sicher. Die Angriffe der russischen Armee kommen vom Norden aus Belarus, vom Osten Richtung Charkiw aus Russland und aus den besetzen Gebieten im Donbass, im Süden von der Krim. Die Vielzahl der Angriffe macht es für das ukrainische Militär sehr schwer, das Land zu verteidigen. Am besten können möglicherweise die Truppen im Osten, im Donbass Widerstand leisten, denn sie sind am besten ausgerüstet und haben die meiste Erfahrung. Hier in Lwiw beobachten wir natürlich mit Sorge, dass nicht nur militärische Ziele angegriffen werden, sondern auch die zivile Infrastruktur, zum Beispiel die Kommunikationsinfrastruktur. Bei diesen Angriffen hat es bereits zivile Opfer gegeben.

Wie gehen die Menschen damit um?

Ich sagte ja, auf den Straßen ist es sehr ruhig. Aber viele Menschen sind sehr wütend und bereiten sich darauf vor, Widerstand zu leisten.

Wir bereiten uns auf Flüchtlinge vor

Rechnest du damit, dass viele Menschen Richtung Westen fliehen werden?

Das weiß ich nicht, aber als jüdische Gemeinde bereiten wir uns darauf vor. Wir haben unser Wohlfahrtszentrum Hesed-Arieh heute dafür hergerichtet. In der Ukraine leben etwa 150.000 Mitglieder jüdischer Gemeinden und dazu noch etwa 10.000 Israelis. Sollte es zu einer Fluchtbewegung kommen, wird Lwiw sicher ein Knotenpunkt sein, um von hier weiter ins Ausland zu fliehen.

Welche Unterstützung brauchen die Menschen in der Ukraine jetzt?

Unser Problem ist, wir sind völlig auf uns allein gestellt. Im Westen hat offenbar niemand daran glauben wollen, dass es so weit kommen könnte. Was wir jetzt sehen, ist das Ergebnis davon. Wir haben das schon 2014 bei der Annexion der Krim gesehen. Auch da haben wir um Hilfe gebeten – und so gut wie nichts bekommen. Jetzt haben wir Deutschland um Waffen gebeten, mit denen wir uns verteidigen können, bekommen haben wir ein paar Helme. Ich bekomme jetzt seit gestern den ganzen Tag E-Mails und Messanger-Nachrichten, in denen mich Freunde aus dem Ausland fragen, was sie tun können. Ich rate ihnen, geht auf die Straße, demonstriert! Schließt euch den Demonstrationen an, die es sowieso schon gibt. Wenn es in eurem Ort keine gibt, dann organisiert eine. Dann wissen wir, dass wir nicht alleine sind.

Quelle: IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. vom 25.02.2022, Christian Herrmann

Redaktion: Frank Beckmann

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