Studie

Kostenlose Menstruationshygieneartikel erhöhen Bildungsgerechtigkeit

Die kostenlose Bereitstellung von Menstruationsartikeln an Bildungseinrichtungen kann dazu beitragen, einerseits den Stress von Menstruierenden und die Studien- und Arbeitsfehlzeiten zu reduzieren sowie andererseits die Bildungsgerechtigkeit und die Attraktivität des Arbeits- und Studienplatzes zu erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Es ist deutschlandweit die erste Untersuchung, die Rückschlüsse auf das Verhalten und die Erfahrungen von Menstruierenden an einer deutschen Hochschule zulässt.

21.07.2022

Das Pilotprojekt der Gleichstellungsstelle bestand aus zwei Teilen: einer Online-Umfrage im September 2021 sowie der Bereitstellung von fünf Tampon- und Bindenspendern in ausgewählten Toiletten am Campus Sankt Augustin. Die Menge des Verbrauchs wurde von Oktober 2021 bis März 2022 erfasst. „Unsere Daten belegen, wie sinnvoll das kostenlose Angebot von Menstruationsartikeln ist“, sagte Dr. Barbara Hillen. Die Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS) hat die Daten zum Nutzungs- und Akzeptanzverhalten von Menstruierenden und Nicht-Menstruierenden gemeinsam mit dem Studenten Niklas Kroheck ausgewertet.

Von den etwa 9500 Studierenden und etwa 1000 Beschäftigen der Hochschule füllten 965 Personen anonym einen Fragebogen aus. 65 Prozent (632 Befragte) zählten zu den aktuell oder ehemals Menstruierenden. Auf sie konzentrierte sich die Erhebung. Die übrigen 35 Prozent gaben an, keine Tampons oder Binden zu benutzen oder jemals benutzt zu haben. Gefragt wurde zum Beispiel nach dem Umgang mit Menstruationshygieneartikeln oder der Einschätzung hinsichtlich der Attraktivität des Studien- und Arbeitsplatzes.

Bereitgestellte Artikel reduzieren Stress

Die Studie belegt, dass sich eine große Mehrheit der Menstruierenden bereits in Situationen befand, in denen sie auf benötigte Menstruationsartikel nicht zugreifen konnte. 88 Prozent gaben an, sich vor solchen Situationen zu ängstigen.

Hillen und Kroheck schreiben in ihrem Fazit:

„Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bereitstellung von Menstruationsartikeln in Institutionen wie Hochschulen emotionalen Stress und negative Erlebnisse von Studierenden und Angestellten reduzieren kann.“

Die Betroffenen gehen unterschiedlich mit einer solchen Stresssituation um. Alle Strategien werden der Umfrage zufolge jedoch von einer großen Mehrheit als belastend empfunden. Vier von fünf Befragten empfinden es als sehr unangenehm oder unangenehm, Menstruationsartikel länger als bevorzugt zu gebrauchen. Ebenfalls 80 Prozent empfinden es als unangenehm, andere Personen nach Tampons oder Binden zu fragen. Ein Viertel der Befragten hat wegen des Fehlens der Hygieneartikel schon einmal Aktivitäten an der Hochschule unterbrochen oder abgebrochen. Die Umfrageergebnisse belegten so einen Mehraufwand, den Menstruierende leisten müssten, um am geregelten Arbeits- oder Studienleben teilnehmen zu können, betonen Autorin und Autor. Zudem erschwerten geringe Frauenquoten in technisch orientierten Fächern oder lange Aufenthalte in Laboren manche Bewältigungsstrategien.

Fazit der Studie: Die Bereitstellung von Menstruationsartikeln kann aus Sicht der Autorin und des Autors diesen Mehraufwand reduzieren oder sogar abschaffen; die Arbeits- und Studienzeit für Menstruierende kann angenehmer gestaltet werden. Auch Abbrüche von Arbeits- und Studienaktivitäten, welche sich möglicherweise negativ auf den Arbeits- und Studienerfolg auswirken, können so vermieden werden. Manchmal spielten zudem finanzielle Aspekte eine Rolle, die durch die kostenlose Bereitstellung der Produkte entfielen.

Der eigentliche Bedarf ist wohl größer

Das Pilotprojekt der H-BRS konzentrierte sich auf den Standort Sankt Augustin, da der Campus Rheinbach im Juli 2021 massive Flutschäden erlitten hatte. Die fünf Spender wurden an strategisch neuralgischen Punkten montiert – erstens dort, wo der Anteil der arbeitenden Frauen am größten ist (in der Verwaltung), zweitens dort, wo im Vergleich wenige Frauen lernen und arbeiten (Fachbereich Informatik) sowie drittens an stark frequentierten Orten (Mensa, Copyshop). Zwischen Oktober 2021 und März 2022 gab die Gleichstellungsstelle insgesamt 142,56 Euro für Tampons und Binden aus. Allerdings fand die Studie während der Corona-Pandemie statt, sodass die Autoren davon ausgehen, dass der eigentliche Bedarf höher liegen dürfte. Aus diesem Grund soll die praktische Testphase bis mindestens September 2022 verlängert werden.

Die Resonanz auf das Pilotprojekt ist gut: Bislang hat die H-BRS-Gleichstellungsstelle im Sinne des Transfers acht Hochschulen, fünf Schulen sowie die Stadt Sankt Augustin zu dem Thema beraten.

Quelle: Hochschule Bonn-Rhein-Sieg vom 13.07.2022

Redaktion: Johanna Fock

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