Zwischen Klassenchat und Jugendtreff: Mit Extremismus umgehen

Die Fachstelle Rechtsextremismusprävention (fa:rp) berät und schult pädagogische Fachkräfte im Umgang mit extremistischen Tendenzen bei Jugendlichen. Ziel ist frühzeitige Prävention durch jugendkulturelle Bildungsarbeit und Distanzierungsangebote. Die Fachstelle setzt auf ganzheitliche Ansätze, die Akteur*innen wie Schulen, Behörden und Beratungsstellen einbinden.

04.06.2026

Abwertende Sprüche im Klassenchat, rechtsextreme Memes im Gaming oder provozierende Aussagen im Jugendtreff: Situationen wie diese sind vielen pädagogischen Fachkräften geläufig. Doch wie lässt sich darauf angemessen reagieren? Wie bleiben pädagogische Fachkräfte handlungsfähig?

Im Gespräch mit Silke Baer aus dem Verein cultures interactive e. V. wird deutlich, welche Handlungsmöglichkeiten es gibt und wie wichtig eine nachhaltige Verankerung von Präventionsarbeit ist. Das Initiativbüro Gutes Aufwachsen mit Medien sprach mit ihr über das Projekt Fachstelle Rechtsextremismusprävention (fa:rp), das sie leitet und das aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert wird. 

Ja zu Demokratie, nein zu Extremismus

„Mit der Fachstelle Rechtsextremismusprävention richten wir uns bundesweit an pädagogische Fachkräfte aus Schulen und der Jugendarbeit. Wir beraten, begleiten und bilden pädagogische Fachkräfte im Umgang mit menschenfeindlichen und demokratiegefährdenden Phänomenen fort“, sagt Silke Baer. Sie fügt hinzu: „Zudem erarbeiten wir Methoden und Handlungskonzepte für die präventive, aufsuchende jugendkulturelle Bildungs- sowie Distanzierungsarbeit, die wir auf Anfrage auch an Schulen durchführen. Unser Ziel ist es, mit unseren Maßnahmen Jugendliche möglichst früh zu erreichen, bevor sie sich menschen- und demokratiegefährdenden Gruppierungen oder Szenen zuwenden, und sie dabei zu unterstützen, sich von extremistischen Haltungen zu distanzieren.“

Extremismus als Herausforderung für pädagogische Fachkräfte

Seit den letzten zwei Jahren nimmt Silke Baer einen Anstieg an Hilfsanfragen von Schulen und Jugendeinrichtungen im Hinblick auf den Umgang mit extremistischen Einstellungen junger Menschen wahr. „Es gibt inzwischen Regionen, in denen Jugendliche und pädagogische Fachkräfte vor Ort feststellen müssen, dass ein Aufwachsen mit demokratisch gelebten und menschenrechtsbasierten Werten deutlich erschwert ist, weil extremistische – vor allem rechtsextremistische – Haltungen flächendeckend verbreitet sind und diejenigen, die sich für eine demokratische Vielfalt einsetzen, bedroht werden. Dabei nutzen Extremist*innen verstärkt digitale Medien wie Soziale Medien und Gaming-Plattformen, um junge Menschen in ihrer Lebenswelt zu erreichen.“

Prävention ganzheitlich denken

Die Arbeit der Fachstelle Rechtsextremismusprävention orientiert sich an einem ganzheitlichen Verständnis von Prävention: Dabei werden das Zusammenspiel verschiedener Akteur*innen wie Schule, Jugendarbeit, lokalen Behörden, Polizei, mobile Beratungsstellen und der Einsatz unterschiedlicher Ansätze der Prävention (primär, sekundär, tertiär) und Methoden berücksichtigt. „Wir verstehen Präventionsarbeit als einen dynamischen, mehrdimensionalen Prozess, der unterschiedliche Zielgruppen entlang verschiedener Ebenen adressiert: von der Stärkung demokratischer Haltungen über die Distanzierung von menschenfeindlichen Ideologien bis hin zum Schutz und zur Unterstützung Betroffener”, schildert Silke Baer. Sie fährt fort: „An Schulen sind wir aktiv, wenn es nicht nur mehr um rein jugendliches provokatives Verhalten geht, sondern um ernst zu nehmende Hinwendungen zu extremistischen Strukturen, zum Beispiel zu Rechtsextremismus.“ Die Arbeit in Schulen erfolgt in Kleingruppen mit maximal 15 Teilnehmenden. In der Regel wird jede Gruppe von zwei Trainer*innen begleitet: eine Person mit Blick auf digitale Medien- und Jugendkultur sowie eine weitere mit Fokus auf politische und soziale Bildungsarbeit. Ergänzend steht ein Interventionsteam bereit, das eingreift, wenn einzelne Jugendliche durch stark destruktives Verhalten oder menschenfeindliche Äußerungen den Gruppenprozess erheblich beeinträchtigen. In solchen Fällen werden die betreffenden Jugendlichen in einen sogenannten Time-Out-Bereich begleitet, wo das Interventionsteam in Einzel- oder Kleingruppensettings mit den Jugendlichen ins Gespräch geht.

Einen Raum für offenen Austausch schaffen

Um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen und soziale, kommunikative und emotionale Kompetenzen zu fördern, nutzt das Team von cultures interactive den narrativen Gesprächsansatz. Dieser stellt individuelle Erfahrungen und Emotionen in den Fokus. Teilnehmende berichten in geschützten Gesprächsgruppen über eigene Erfahrungen und Interessen und kommen so miteinander in den Austausch. „Voraussetzung für einen vertrauensvollen, offenen und wertschätzenden Umgang ist eine unvoreingenommene, empathisch zugewandte und zuhörende Haltung der narrativen Gesprächsführung, die gleichzeitig konfrontationsbereit und kritisch-hinterfragend ist. Zudem ist echtes persönliches Interesse an allen Teilnehmenden wichtig, um sich ihre Erfahrungen hinter Meinungen und die Motive ihrer Ansichten zu erschließen“, betont Silke Baer. 

Festgelegte Themen gibt es in den Gesprächsgruppen nicht: Die teilnehmenden Jugendlichen sprechen über das, was sie beschäftigt. Häufig geht es neben persönlichen Anliegen auch um soziale und gesellschaftliche Themen wie Gerechtigkeit, Freundschaft, Familie, Mobbing, Konflikte oder Beteiligung. „Unser Ziel ist es, einen Raum zu bieten, in dem eigene Ansichten begreiflich gemacht werden können, aber auch junge Menschen zu befähigen, Kritik an der eigenen Meinung ohne menschenverachtende Reaktionen auszuhalten.“

Der narrative Ansatz wird inzwischen auch für den digitalen Raum erprobt. Jugendliche sollen im Projekt Chill Chat zu Peer-Trainer*innen ausgebildet werden, um etwa in Gamingchats menschenverachtenden Äußerungen narrativ-dialogisch zu begegnen.

Pädagogische Fachkräfte unterstützen

Für den Umgang mit problematischen bis hin zu extremistischen Äußerungen rät Silke Baer pädagogischen Fachkräften, sich dem Problem ernsthaft zu stellen, sich in Fortbildungen weiterzubilden und im Austausch mit Kolleg*innen sowie Fachberatungsstellen zu sein. „Was ich insbesondere feststelle, ist, dass viele Fachkräfte inzwischen recht versiert sind, was das Wissen um Formen von Rechtsextremismus angeht. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass der Bedarf im pädagogischen Alltag immer herausfordernder wird, weil extreme und extremistische Haltungen verstärkt auftreten. Wir vermitteln daher auch praxisorientierte Handlungskonzepte, die der Orientierung dienen und die Fachkräfte in der Arbeit mit rechtsaffinen Jugendlichen nutzen können.“

Gemeinsam stark: Extremismus entgegentreten

Für eine lebendige und resiliente Demokratie sieht Silke Baer es als besonders wichtig an, langfristig tragfähige Strukturen im Bereich der Extremismusprävention zu stärken. Ebenso entscheidend ist, dass unterschiedliche Akteur*innen im Feld tätig sind, die mit ihren jeweiligen Perspektiven und Kompetenzen zur Vielfalt der Präventionsarbeit beitragen. „Programme wie „Demokratie leben!“ haben maßgeblich dazu beigetragen, praxisnahes Wissen aufzubauen und Kooperationen zu fördern, die sich in der konkreten Arbeit als wirksam erweisen.“

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