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Rheinisches Jugendheim Halfeshof feiert 100-jähriges Bestehen

Historische Momentaufnahmen: Schreinerei (undatiert)

Eine Kleine Ausstellung beleuchtet die bewegte Geschichte der Solinger Jugendhilfe-Einrichtung Halfeshof und erlaubt einen spannenden Blick in die Geschichte der Jugendhilfe.

07.07.2011

Solingen/Köln. 6. Juli 2011. Das Rheinische Jugendheim Halfeshof des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) hat heute sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Am 5. Juli 1911 eröffnete der Provinzialverband der Rheinprovinz als Rechtsvorgänger des LVR die Einrichtung. 100 Jahre später blickten nun zahlreiche Gäste in Solingen gemeinsam mit dem Halfeshof-Personal zurück auf die bewegte Geschichte des Jugendheims: Auch Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Landschaftsversammlung Rheinland, Klaus Schäfer, Staatssekretär im NRW-Familienministerium und Solingens Oberbürgermeister Norbert Feith gehörten zu den Gratulanten. Am Nachmittag luden die jungen Bewohnerinnen und Bewohner zu einem Sommerfest und Tag der offenen Tür ein. Bei Führungen durch den Halfeshof, einer Jubiläumsausstellung, einer Ralley, einem Kinderflohmarkt und Livemusik haben sich die Gäste über Vergangenheit und Gegenwart der Einrichtung informiert.

"Der Halfeshof ist heute ein lebendiger Teil Solingens, in dem junge Menschen, zivile Bewohner und unterschiedliche Institutionen zuhause sind. Die historischen Fassaden sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Veränderungen im Laufe eines Jahrhunderts auch im Halfeshof ihren Niederschlag fanden", sagte Jürgen Wilhelm. Als Provinzial-Fürsorgeerziehungsheim für schulentlassene evangelische Jungen gegründet, erlebte der Halfeshof zwei Weltkriege. Im ersten Weltkrieg wurden fast alle Mitarbeiter eingezogen und viele junge Insassen meldeten sich für den Einsatz an der Front. Zeitweilig lebten nur noch 70 Personen auf dem Gelände. Zudem wurde im Halfeshof ein Lazarett eingerichtet, in dem während des Krieges über 3000 verwundete Soldaten aufgenommen wurden. Nach Kriegsende blieben zwei Zöglingshäuser und die Festhalle von der Britischen Armee beschlagnahmt und nur noch wenige Jungen hielten sich zur Aufrechterhaltung der Landwirtschaft im Halfeshof auf. Erst 1926 kehrten die Bewohner zurück.

Mit Beginn des Dritten Reichs wurde auch die Erziehung im Halfeshof nationalsozialistisch geprägt. Die angeblich medizinisch-wissenschaftliche Denkweise der Nationalsozialisten führte dazu, dass die Betreuten in rassisch-eugenisch Minderwertige und zu fördernde, noch erziehbare, junge Menschen unterteilt wurden. Gerade letztere wurden bevorzugt in parteitreue Familien gegeben. Andere Jungen aus dem Halfeshof wurden zwangssterilisiert. Durch den zweiten Weltkrieg sank aufgrund der Einberufungen die Anzahl an Bewohnern und Mitarbeitern drastisch. 1943 wurde das Heim geschlossen.

Durch die Entlassung ehemaliger NSDAP-Mitglieder unter den Mitarbeitern kam es ab 1946 zu einer Personalknappheit, so dass vielfach Personal ohne spezifische pädagogische Kenntnisse beschäftigt werden musste.

Der damalige Direktor Ewald Nevries wollte ab Anfang der 1950er Jahre, dass die Pädagogik weniger auf ständige Kontrolle und Strafe setzt, sondern durch ein großzügigeres System ersetzt würde, das auf Selbsterziehung abzielt. Wie die vom Landschaftsverband 2010 veröffentlichte Studie zur Heimerziehung im Rheinland in den 1950er und 1960er Jahren aufzeigt, konnten solche Absichten aufgrund der unzureichenden äußeren Umstände kaum umgesetzt werden. Zu wenige, unausgebildete und überforderte Mitarbeiter, nicht zeitgemäße Ausbildungsangebote und Arbeitspflichten für die Jugendlichen, eine zentrale Versorgung mit Essen und Kleidung, zu geringe finanzielle Mittel und rigide gesellschaftliche Vorstellungen führten allgemein zu einer verspäteten Modernisierung der Heimerziehung. Um etwa ein "Entweichen" zu verhindern, wurde junge Menschen in geschlossene Gruppen verlegt, was oftmals den Abbruch von begonnen Schul- oder Berufsausbildungen bedeutete. Dies hat sicher auch auf den Halfeshof zugetroffen. Für das damals erlittene Unrecht hat sich die Landschaftsversammlung Rheinland als oberstes Gremium des Landschaftsverbands bei allen betroffenen ehemaligen Heimkindern im Rheinland entschuldigt.

Mit der Amtsübernahme durch den Solinger Jugendrichter Paul Knappertsbusch traten 1966 verstärkte Bemühungen um die Schul- und Berufsausbildung der Jungen in den Vordergrund, da Bildung den Jungen oftmals einen Ausweg aus ihrer gesellschaftlichen Außenseiterposition versprach. Familienähnliche Wohngemeinschaften als erste Formen "offener Betreuung" entstanden. Aber noch 1983 wurde nach einem damals modernen skandinavischem Konzept ein Haus für zwei Gruppen gebaut, in dem die Jungen auch nachts in ihren Zimmern eingeschlossen werden konnten, um ein Weglaufen zu verhindern. Erst unter dem damaligen und jetzigen LVR-Jugenddezernenten Reinhard Elzer wurden die geschlossenen Gruppen geöffnet. In den Siebzigerjahren verstärkten sich die Bemühungen den Halfeshof in das Umfeld und die Stadt Solingen einzubinden. Ein Heimbeirat wurde gegründet und die Sportstätten inklusive des 1973 eröffneten Schwimmbads auch umliegenden Vereinen zur Verfügung gestellt.

"Auch nach 100 Jahren leistet der Halfeshof einen wichtigen Beitrag zur Jugendhilfe im Rheinland. Dabei stehen heute die jungen Menschen und ihre Familien im Mittelpunkt, für die es vielfältige und individuell zugeschnittene Lösungen gibt.", sagt Birgit Lambertz, Fachliche Direktorin der LVR-Jugendhilfe Rheinland. Heute leben rund 150 Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen des Halfeshofs.

Eine Vielzahl passgenauer Wohn- und Betreuungsformen stehen zur Verfügung: Neben Campus-, Außenwohn- und Tagesgruppen existiert eine U-Haft-Vermeidungsgruppe, in der Jugendliche aufgenommen werden, für die vom Gericht Untersuchungshaft angeordnet wurde. Bis zur Hauptverhandlung werden mit ihnen Perspektiven für ein späteres straffreies Leben erarbeitet. Überdies bieten Verselbständigungsgruppen Jugendlichen die Chance in kleinen Wohngemeinschaften oder Einzelwohnungen mit zeitweiliger Anwesenheit pädagogischer Mitarbeiter den letzten Schritt in die Selbständigkeit zu tun. Jugendliche in scheinbar ausweglosen Lebenssituationen, die eine begrenzte Auszeit positiv für sich nutzen sollen, werden mit einer intensiven Vor- und Nachbereitungszeit von einem Mitarbeiter für sechs bis acht Wochen in einer Auslandsmaßnahme betreut. Um Kinder, Jugendliche und ihre Familien in der Wahrung ihrer Rechte zu unterstützen, stehen ihnen unabhängige Ombudspersonen zur Seite, an die sie sich in schwierigen Situationen wenden können.

Quelle: Landschaftverband Rheinland (LVR)

Redaktion: Christian Herrmann

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