Kinder- und Jugendschutz

Ein Schutzportal für Kinder

Ein Gespräch mit der Soziologin Monika Friedrich über Erwachsene und sexuelle Gewalt an Kindern und wie das „Kinderschutzportal“ der Universität Münster Betroffene unterstützt.

17.05.2010

Dr. Monika Friedrich
Dr. Monika Friedrich ist Privatdozentin am Institut für Soziologie an der Universität Münster. Seit 2004 arbeitet sie ehrenamtlich im Beirat des Kinderschutzportals.
Kontakt: [email protected]

www.kinderschutzportal.de

Screenshot Kinderschutzportal
Das Internetportal www.kinderschutzportal.de (oder www.schulische-praevention.de) ist ein Informationsforum zu Themen der Prävention sexueller Gewalt. Es bietet eine Zusammenschau von Projekten für Schulen und andere pädagogische Einrichtungen, ist verlinkt zu anderen relevanten Websites und stellt Fachliteratur vor.

Eine umfangreiche Sammlung von Fachartikeln, für das Portal geschrieben und von Mitarbeitern und Beiratsmitgliedern aktualisiert, beschäftigt sich mit Themen wie Diagnostik, verschiedenen Erklärungsansätzen zu Ursachen, nennt Zahlen zu sexueller Gewalt und bietet einen Überblick zur Gesetzeslage in Deutschland. Die Website wird rund 24.000 Mal pro Jahr aufgerufen.

Mögliche Symptome bei sexuellem Missbrauch

Wenn Kinder Verhaltensweisen zeigen, die bei ihnen bisher nicht beobachtet wurden (Aggressivität, hypermotorisches Verhalten, Ängste, Leistungsversagen, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlaflosigkeit). Sie sind als unmittelbare Reaktion auf ein traumatisierendes Erlebnis anzusehen.

Wenn Kinder sexuelle Auffälligkeiten zeigen, die dem Alter des Kindes nicht entsprechen, z.B. übermäßiges Interesse an den Genitalien der Eltern oder Geschwister, exzessives Masturbieren, anhaltendes Masturbieren in der Öffentlichkeit, Einführung von Gegenständen in Anus oder Vagina, sexuelle Frühreife, Aufforderung zur sexuellen Stimulation, Erzwingen von sexuellem Verhalten durch Gewalt und Drohung.

Wenn Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, die als eine Verarbeitungs- und Bewältigungsform von traumatisierenden Erlebnissen angesehen werden können, z.B. Regression in bereits durchlaufene Entwicklungsphasen, erneutes Einnässen oder Einkoten, Beziehungsverweigerung, sozialer Rückzug, Depression, Ängste, Weglaufen, Leistungsstörungen, Alpträume, Schlaflosigkeit, Aggressivität und Vandalismus, Essstörungen, Drogenmissbrauch, selbstschädigendes Verhalten.

WICHTIG: Es gibt keinen Test und keine spezifischen Merkmale, die eindeutig auf sexuellen Missbrauch schließen lassen. Und es gibt keinen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Die gleichen psychischen Folgen können durch verschiedene andere verursachende Bedingungen zustande kommen (z.B. durch Vernachlässigung oder Misshandlung).

Von Ludger Kotthoff, Beiratsmitglied

Wie alles begann...

Der Beirat des Kinderschutzportals
Von links nach rechts: Univ.-Prof. a.D. Dr. Herbert Ulonska, Herr Schönefeld, Ass.jur. Sabine Schumacher, Dr. Marlene Kruck, PD Monika Friedrich, PhD (USA), Dr. Ludger Kotthoff, Dipl.-Päd. Verena Vogelsang

Die Geschichte des Kinderschutzportals beginnt 1993 mit dem Aufbau einer Bibliothek zu sexueller Gewalt für Lehramtsstudierende am Institut für Forschung und Lehre für die Primarstufe der Universität Münster. Dem Aufbau der Bibliothek folgte die Idee, ein Internetportal zu errichten. Es ist seit 2002 online. Seit 2003 gibt es den Beirat. Insgesamt neun Personen aus den verschiedensten Disziplinen engagieren sich hier: eine Juristin, drei promovierte Lehrerinnen, ein Gestaltpädagoge, jeweils ein katholischer und ein evangelischer Theologe, ein Psychologe und eine Soziologin. Sie alle sichern die kontinuierliche und sachkundige Aktualisierung des Portals. Der Beirat betreibt auch Öffentlichkeitsarbeit und Fortbildungen für LehrerInnen und ErzieherInnen.

Vom Münsterland nach Lettland

Monika Friedrich bei einer Fortbildung
Monika Friedrich bei einer Fortbildung mit Mitarbeiterinnen der sozialen Dienste der Stadt Jelgava

Die Fortbildungen finden im ganzen Münsterland statt – mitunter aber auch in Lettland. Auf Einladung des lettischen Ministeriums haben M. Friedrich und H. Ulonska seit 2005 insgesamt sieben Vortragsreisen nach Riga und in fünf weitere Orte unternommen. Sie informieren ErzieherInnen in Kinderheimen, Verwaltungspersonal und sogar lettisches Polizeipersonal. Seit 2007 sind sie in eine neue Form der Multiplikatorenausbildung involviert. Sogenannte „Probation Officers“ werden landesweit ausgeschickt, um das Thema der sexuellen Gewalt in das Bewusstsein der lettischen Bevölkerung zu heben.

 


Von Christine Geserick

Seit 2004 engagiert sich Monika Friedrich für das Kinderschutzportal (www.kinderschutzportal.de) der Universität Münster. Als ehemalige Lehrerin und habilitierte Soziologin vereint sie einen praktischen und einen sozialanalytischen Zugang zum Thema der sexuellen Gewalt. Im Gespräch mit Christine Geserick (ÖIF) geht es auch um Aktuelles: Was tun, wenn Eltern pädagogische Fachkräfte unter Verdacht haben? Und übrigens: Können auch Frauen Sexualtäterinnen sein?

Frau Friedrich, wie sind Sie eigentlich zur Arbeit im Kinderschutzportal gekommen?

Das kam durch Studierende zu Stande. Sie haben über längere Zeit meine Seminare zu sexueller Gewalt besucht. Über sie habe ich vom Projekt Schulische Prävention (jetzt auch Kinderschutzportal genannt), das am damaligen Institut für Forschung und Lehre in der Primarstufe angesiedelt ist, erfahren. Es wurde bereits 1993 gegründet. Umgekehrt wurde auch Prof. Ulonska, Initiator des Projekts, über die Studierenden auf mich aufmerksam. Er hat mich dann später zur Mitarbeit im Beirat eingeladen.

Und was macht dieser Beirat?

Wir aktualisieren das Internetportal www.kinderschutzportal.de, betreiben Öffentlichkeitsarbeit, halten Vorträge und schreiben immer wieder Fachartikel zu verschiedenen Themen der sexuellen Gewalt an Kindern. Ich habe in diesem Zusammenhang im Netz zum Beispiel Artikel über Sexualtäterinnen und über die schwierige Situation der Mütter sexuell missbrauchter Kinder verfasst.

Sie haben dort geschrieben, dass sich schulische Präventionsarbeit vor allem an Erwachsene richten sollte. Warum?

Es geht darum, dass Lehrerinnen, Lehrer und Eltern zusammenarbeiten müssen. Prävention kann nur von Erwachsenen gestaltet werden, denn Kinder sind die Adressaten, deren Schutz im Mittelpunkt steht. Prävention muss Teil der schulischen Arbeit und der häuslichen Erziehung sein. Und, ganz wichtig, sie ist ein langer pädagogischer Prozess und keine ad hoc-Maßnahme. Hier haben wir nämlich das Problem vieler kommerzieller Projekte, die in Schulen durchgeführt werden, wie z.B. eine Woche lang ein Trainingsprogramm zur Stärkung von Kindern anzubieten und dann zu „verschwinden“. Es gibt gute Projekte, zum Beispiel die Theaterwerkstatt in Osnabrück, die ein Kindertheater zum Thema entwickelt hat und ein großes Rundum-Programm mit Elternabenden und Lehrerfortbildungen anbietet. Das Problem dabei ist, dass in manchen Schulen zwar das Theaterstück aufgeführt wird, vielleicht noch ein vorbereitender Elternabend und eine Diskussion danach stattfindet, aber das Thema sexuelle Gewalt nicht weiter in den Unterricht integriert wird.

Heißt das, es braucht Projekte, die auf Kontinuität innerhalb oder entlang des Schuljahres ausgerichtet sind?

Ja. Und nicht nur während des Schuljahres, sondern während der gesamten Schulzeit. Kinder nehmen Inhalte angebotener Themen oft nur partiell, ihrem Entwicklungsstand und ihrer Interessenslage entsprechend, auf. Solche Themen, Projekte und Programme müssen vor dem Hintergrund der jeweiligen Entwicklungsstufe der Kinder immer wieder neu mit anderen, altersgemäßen Inhalten in ein Erziehungsprogramm der Schule einfließen. Das darf also nicht „einmal im vierten Schuljahr über Sexualität sprechen“ sein oder als kurzes Präventionsprogramm eingeblendet werden. Das reicht nicht.

Bei elternbildnerischen Maßnahmen ist es oft schwer, bildungsferne Milieus zu erreichen. Wie sieht das bei Projekten zu sexueller Gewalt aus?

Natürlich ist es schwer, mit bildungsfernen Eltern in Kontakt zu kommen. Das wissen alle Lehrerinnen und Lehrer, wahrscheinlich aller Schularten. Ich beschreibe es so: In der Regel ist es eine Komm-Struktur. Eine Geh-Struktur wäre aber besser. Das heißt, Lehrer gehen auf die Eltern zu, suchen sie z.B. zu Hause auf, motivieren sie zur Teilnahme. Es gibt viele Hemmschwellen bei Lehrerinnen und Lehrern, sich mit den Themen sexuelle Gewalt und deren Prävention auseinanderzusetzen und dann noch offensiv auf die Eltern zuzugehen.

Und wie kann das trotzdem gelingen?

Man könnte versuchen, Eltern in Schulaktivitäten, die gar nichts mit sexueller Gewaltprävention zu tun haben, einzubeziehen, um ins Gespräch zu kommen und Vertrauen aufzubauen. Das könnten Schulfeste sein, wo die Eltern helfen, Stände aufzubauen oder Kuchen backen. Das können aber auch interkulturelle Feste sein, die etwa muslimische Eltern konkret einbeziehen, indem in der Schule das Zuckerfest gefeiert wird. Ich kenne konkrete Beispiele, dass das machbar ist und funktioniert.

Wenn nun ein Kind Opfer sexueller Gewalt geworden ist, wie kann ich das als Erwachsener merken?

Dazu ist eine gewisse Sensibilität notwendig. Es gibt Symptome, die meist sehr unspezifisch, häufig diffus sind: Zum Beispiel, wenn ein Kind plötzlich in seinen Schulleistungen nachlässt oder, wenn es vorher lebendig, heiter und offen war und sich plötzlich in sich zurückzieht. Oder wenn sexualisiertes Verhalten sichtbar wird, das eher altersuntypisch ist, dann können(!) das Anzeichen für sexuellen Missbrauch sein. Genau diese Symptome können auch in anderen Zusammenhängen auftreten. Aber Lehrerinnen, Lehrer und Eltern sollten auf jeden Fall aufmerksam sein (siehe Kasten rechts oben).

Nehmen wir an, ich bin Pädagogin und habe einen recht konkreten Verdacht, dass ein Kind im Elternhaus sexuelle Gewalt erfährt. Was kann ich tun?

Zuerst muss erwähnt werden, dass es in Deutschland keine Anzeigepflicht des sexuellen Missbrauchs gibt, aber angezeigt werden kann. Schritte von Seiten des Lehrpersonals sollen zum Beispiel nur im Einvernehmen mit dem Kind unternommen werden, was wiederum eines Vertrauensverhältnisses bedarf. Das heißt, die Lehrerinnen und Lehrer sollten vorsichtig sein und das Kind nicht bedrängen. Sie sollten Grenzüberschreitungen vermeiden, denn das ist ja genau das Problem des Kindes, das sexuelle Missbrauchserfahrungen gemacht hat. Gleichzeitig tragen sie auch Verantwortung für den Schutz des Kindes.
Man kann in diesem Zusammenhang nur raten, und das ist das Wichtige, Kontakt mit dem Jugendamt, zu Beratungsstellen oder mit den speziellen Beratungsstellen der Polizei aufzunehmen. Alle diese Beratungsstellen haben keine Anzeigepflicht für vergangene Taten. Nur, wenn weitere, also zukünftige, schwere Straftaten zu befürchten sind, ist Anzeigepflicht vorhanden. Und das ist natürlich ein sehr schwieriges juristisches Problem.

Wenn ein Kind vergewaltigt wurde, besteht keine Anzeigepflicht, weil es in der Vergangenheit liegt?

Ja. Aber es kann natürlich angezeigt werden. Das loten die Beratungsstellen aus: Besteht eine Möglichkeit? Sind die Indizien stark genug? Aber: Lehrerinnen und Lehrer sollten ohne Beratung nicht anzeigen, weil sie meist weder die korrekten Informationen haben, noch beurteilen können, ob eine Abwehr zukünftiger Taten gegeben ist. Und vor allen Dingen, weil das Kind, wenn eine Inzestvermutung besteht, zu Hause noch zusätzlichen schweren Misshandlungen ausgesetzt sein könnte.

Wer sollte also am besten eine Anzeige erstatten?

Das ist individuell unterschiedlich, es sollte ein Ergebnis der Beratung sein. Was auch noch wichtig zu wissen ist: Alle Beratungsstellen können auch anonym kontaktiert werden. Das heißt, eine Lehrerin kann auch anonym Kontakt aufnehmen und sich beraten lassen. Wichtig ist auch: Es gibt hier in Münster, und auch in vielen anderen großen Städten, Kontakt mit Clearingstellen in ärztlichen Kinderschutz-Ambulanzen. Diese bieten neben Diagnostik, Beratung und Therapie für betroffene Kinder auch einzelfallbezogene Beratung für Professionelle an. Die Clearingstelle der Kinderschutzambulanz, ein multiprofessionelles, einzelfallbezogenes Beratungsgremium, beurteilt Hinweise und Verdachtsmomente auf sexuellen Missbrauch und berät über das notwendige fachliche Vorgehen. Sie hilft bei der Entscheidungsvorbereitung über das weitere Vorgehen in Einzelfällen. Sie berät, ob und in welcher Reihenfolge therapeutische, (gerichts-)medizinische, familiengerichtliche und/oder strafrechtliche Schritte aufeinander abgestimmt werden können. Sie haben Ansprechpartnerinnen und -partner bei der Kriminalpolizei, im Jugendamt, im Gesundheitsamt und im eigenen Hause.

Sie haben Inzestfälle angesprochen. Gibt es eigentlich in den verschiedenen Sozialmilieus unterschiedliche Häufigkeiten des Vorkommens?

Nein. Sexueller Missbrauch und damit auch Inzest findet in allen sozialen Schichten statt. Das ist eine ganz wichtige Information, weil Viele, wenn der Verdacht aufkommt, zum Wegschauen verleitet werden: „Bei uns, in unseren Kreisen geschieht so etwas nicht“. Zum Beispiel gerade bei Verdacht auf Inzest hört man von Müttern oft das Argument: „Aber doch bei mir nicht, nicht in meiner Familie.“ Der Eindruck, dass es in den unteren sozialen Schichten häufiger vorkommt, resultiert vermutlich daraus, dass in den oberen sozialen Schichten die Verschleierungsmöglichkeiten größer sind, weil etwa bessere Anwälte zur Verfügung stehen oder auch, weil man sich mit größerer Eloquenz erfolgreicher verteidigen kann. Bis hin zu den elementaren Kommunkationswegen gibt es also dort erfolgreichere Möglichkeiten zur Vertuschung. Und noch etwas: Auch die Erwartungshaltung der Umwelt spielt eine Rolle: „Ein Rechtsanwalt oder eine Lehrerin, die machen doch so etwas nicht!“ – so denken die meisten. Das alles lässt viele Taten unentdeckt. Es ist zu vermuten, dass die Dunkelziffer in den oberen Schichten sehr viel höher ist – ohne dass man sagen kann, wie groß das Vorkommen ist.

Man hat oft das Bild im Kopf, dass der männliche Lehrer das Mädchen bedrängt oder dass der pädosexuelle Geistliche Jungen missbraucht. Sie haben eben Lehrerinnen als Täterinnen erwähnt…

Es gibt, soweit ich weiß, keine Untersuchung zu Lehrerinnen als Täterinnen. Aber die Möglichkeit ist natürlich vorhanden, siehe Odenwaldschule in Deutschland. Dort ist die Konstellation mit einem 17-jährigen Jungen und einer Lehrerin bekannt geworden. Bei Jungen als Opfer geht es hier immer um ältere Jugendliche, und Frauen gehen deshalb auch anders vor. Sie verhalten sich entweder als Lehrmeisterin, bauen den Jungen als – in Anführungsstrichen – idealen „Geliebten“ auf. Oder die Frauen sind selber missbraucht worden und setzen diese Taten fort, weil sie keine anderen Zuwendungsformen gelernt haben, sage ich einmal etwas salopp. Frauen werden häufig auch zu Mittäterinnen bei sexuellem Missbrauch von Männern, weil sie sich des Zwangs zum Mitmachen nicht erwehren können.

Wie ist das aus soziologischer Sicht? Ist die gesellschaftliche Bewertung von männlichen und weiblichen Tätern und Täterinnen unterschiedlich?

Die ist sehr unterschiedlich. Nehmen wir mal ein Beispiel: Mütter missbrauchen Kinder – ihre eigenen oder fremde Kinder. Es gibt ein sehr hohes Tabu, dass Mütter so etwas nicht tun. Ein gesellschaftlich sehr wirksamer Muttermythos steht einem Verdacht entgegen, dass eine Frau so etwas tut. Dieser Mythos ist sehr, sehr intensiv vorhanden, und es wird mitunter schlicht nicht geglaubt, wenn ein Kind Signale gibt oder sogar darüber spricht. Dadurch sind diese Frauen, die es dann doch tun, so ähnlich wie Täter hinter Kirchenmauern geschützt. Insofern ist die Bewertung unterschiedlich. Da sitzt in den Köpfen der Menschen das, was in den 1980er Jahren der Titel eines Buches war, nämlich: „Die Väter sind die Täter“. Frauen kommen bei sexueller Gewalt meist gar nicht ins Blickfeld.

Kommen sie ins statistische Blickfeld? Also gibt es da Zahlen, die Täter und Täterinnen vergleichen?

Wir wissen nur – von Seiten des Kindes – dass etwa 5 bis 15 Prozent der Kinder mit sexueller Gewalterfahrung diese Erfahrung mit Frauen hatten. Also es sind vergleichsweise sehr viel weniger Fälle als jene, die im Kontext männlicher Täterschaft bekannt werden.

Was ist das Problematische, wenn Kinder von Erziehungspersonen in diese schlimmen Situationen sexueller Gewalt gebracht werden?

Die Täter gehen immer strategisch vor. Das heißt, sie bauen erst mal ein Vertrauensverhältnis zu den Kindern auf und verpflichten dann die Kinder zum Schweigen. Das passiert fast immer über Drohungen: „Wenn du etwas weitersagst, dann passiert etwas Schlimmes in deiner Familie“. Oder sie agieren über den Entzug der Zuwendung, die sie ja alle erst einmal geben, um das Kind zu gewinnen. Sexueller Missbrauch – bis auf Vergewaltigung, das sind dann in der Regel Taten Fremder mit Zufallsopfern – geschieht immer vor dem Hintergrund eines strategischen Planes, in dem das Kind systematisch von anderen Vertrauenspersonen entfremdet und durch Drohungen zum Schweigen gebracht wird. Oder durch die klassische Assoziation: „Du hast es ja auch gewollt, du bist mit schuld!“ Diese Schuldzuweisungen nehmen Kinder sehr ernst und können oft ein Leben lang nicht über die Problematik sprechen.

In letzter Zeit haben recht Viele darüber gesprochen.

Die Zeit ist reif für die Diskussion. Die Fälle gab es ja schon immer, aber damals war für eine Großdiskussion noch kein Forum, das Thema wurde auch von den Medien nicht aufgeriffen. Es konnte argumentiert werden: „Na ja, schwarze Schafe gibt es überall“ und das ist jetzt nicht mehr möglich. Um ein Bild zu benutzen: Es ist wie mit einem kleinen Schneeball, der ins Rollen kommt und zu einer Lawine wird. Man könnte auch sagen, veröffentlichte Fälle ermutigen weitere Betroffene, ihre Erfahrungen publik zu machen. Das fördert die öffentliche Wachsamkeit und reduziert so die Möglichkeiten für (potenzielle) Täter.

Logo ÖIFDer Text wurde mit freundlicher Genehmigung der Redaktion dem Informationsdienst "beziehungsweise" des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien entnommen.
Der Informationsdienst kann abonniert oder kostenlos heruntergeladen werden.
http://www.oif.ac.at/presse/presse.asp?Rubrik=3&ID_Art=1
Website des ÖIF: http://www.oif.ac.at

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