Gesundheit

Arztreport 2012: 1 Millionen Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen

Kugelschreiber liegt auf Ringordner

Laut aktuellem Barmer GEK Arztreport 2012 wird mittlerweile bei jedem dritten Kind im Vorschulalter eine Sprachentwicklungsstörung festgestellt. Bundesweit liegt der Anteil an Kindern mit Sprech- und Sprachstörungen bei 10,3 Prozent. Insgesamt sind innerhalb eines Jahres 1,12 Millionen Kinder zwischen 0 und 14 Jahren betroffen.

01.02.2012

Dabei fallen die Diagnoseraten bei Jungen durchgängig höher aus: Im sechsten Lebensjahr kommen sie auf einen Anteil von rund 38 Prozent, Mädchen auf 30 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Behandlung: 20 Prozent aller fünfjährigen Jungen erhalten eine Logopädie-Verordnung, dagegen nur 14 Prozent der gleichaltrigen Mädchen.

Für den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, ist dies kein Grund für Alarmstimmung: "Wir sehen, dass professionelle Sprachförderung in Anspruch genommen wird." Tatsächlich werden Vorschüler mit diagnostizierter Sprachentwicklungsstörung zu einem guten Drittel auch logopädisch behandelt. Hinter den hohen Diagnoseraten dürften laut Dr. Thomas Grobe vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung aus Hannover (ISEG) vermutlich auch Abgrenzungsprobleme stecken: "Hier fehlen in der ärztlichen Praxis offenbar zum Teil noch geeignete, praktikable und einheitlich angewendete Kriterien der Diagnoseerstellung."

Barmer GEK-Vize Schlenker hebt das hohe ambulante Versorgungsniveau in Deutschland hervor: "Die kinderärztliche Betreuung ist flächendeckend und sucht ihresgleichen." Bis einschließlich dem sechsten Lebensjahr haben jährlich mindestens 89 Prozent der Kinder ambulanten Kontakt zu einem Kinderarzt. Insgesamt liegt die Inanspruchnahme von Ärzten (Haus-, Kinder- und Fachärzte) in den ersten sechs Lebensjahren sogar bei 98 Prozent.

U-Untersuchungen kommen an
Der Anteil an Kindern ohne Kontakt zum Kinderarzt liegt in Bremen bei nur drei Prozent, in Berlin und Hamburg bei fünf Prozent. Flächenbundesländer wie Bayern oder Niedersachsen kommen dagegen auf zehn bzw. elf Prozent – und Mecklenburg-Vorpommern sogar auf rund 16 Prozent. Versorgungslücken kann Schlenker dennoch nicht entdecken: "Auf dem Land übernehmen andere ärztliche Fachdisziplinen die Behandlung der Kleinsten."

Hoch ist auch die Teilnahmerate bei den Kindervorsorgeuntersuchungen U5 bis U7 mit rund 95 Prozent, bei der U8 und U9 sind es etwa 90 Prozent. Eine Ausnahme bildet die 2008 eingeführte U7a. Hier zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern: Während im Saarland bereits rund 97 Prozent aller Kinder teilnehmen, sind es in Hamburg und Berlin erst rund 75 Prozent. Der Autor des Arztreports, Dr. Thomas Grobe vom ISEG, sieht Nachholbedarf: "Gerade in den Stadtstaaten haben wir einerseits eine starke Gesundheitsinfrastruktur, andererseits ausgeprägte Bedarfslagen. Bei den unterschiedlichen Teilnahmeraten dürfte aber auch die Einladepraxis eine maßgebliche Rolle spielen."

Krankheitsspektrum erweitert sich
Die klassischen Kinderkrankheiten wie Windpocken, Scharlach oder Röteln sind offenbar im Griff, das Krankheitsspektrum wird aber erweitert durch Sprachentwicklungsstörungen oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Gleichzeitig fällt auf, dass Jungen von diesen Diagnosen überdurchschnittlich betroffen sind: So geht mittlerweile jeder zehnte neunjährige Junge zum Neurologen oder Psychiater (9,6 Prozent). 60 Prozent davon mit der Diagnose ADHS. Zum Vergleich: Bei den neunjährigen Mädchen sind es sechs Prozent, davon rund 40 Prozent mit ADHS-Diagnose.

Und noch etwas bringen die Forscher vom ISEG ans Licht: Über elf Prozent aller Kinder zwischen 0 und 14 Jahren haben Neurodermitis. Bei den 0- bis 3-Jährigen sind es sogar rund 16 Prozent. Auffällig ist die regionale Verteilung: Alle ostdeutschen Bundesländer erreichen deutlich höhere Diagnoseraten. Spitzenreiter ist Thüringen (17,1 Prozent), gefolgt von Sachsen-Anhalt (16,4 Prozent) und Sachsen (15, 6 Prozent).

Anstieg der Behandlungsfälle gebremst?
Erstmals seit sechs Jahren ging 2010 die Zahl der ambulanten Behandlungsfälle pro Versichertem altersbereinigt leicht zurück: von 8,04 auf 7,93. Allerdings bewegt sich die Behandlungsquote, also der Anteil der Menschen, die mindestens einmal pro Jahr einen Arzt aufsuchen, zwischen 2004 und 2010 relativ konstant zwischen 91 und 93 Prozent (2010 = 91 Prozent). Für Schlenker ein deutliches Signal: "Wir haben nach wie vor eine exzellente ambulante Versorgung, die das Vertrauen der Bevölkerung genießt." Zwar existierten regionale Versorgungsunterschiede zwischen Stadt und Land. Größtenteils finde aber eine Mitversorgung der ländlichen Gebiete durch Oberzentren und die interdisziplinäre Zusammenarbeit der ärztlichen Fachgruppen statt. "Diese Tatsachen müssen bei der Neujustierung der Bedarfsplanung berücksichtigt werden."


   
BVKJ: Sprachentwicklungsstörungen sind nicht nur ein Problem der Krankenkassen
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte(BVKJ) forderte angesichts der Veröffentlichung des Artzreports mehr und bessere Sprachentwicklungsförderung im Rahmen umfassender frühkindlicher Bildung und Entwicklungsanregung.

„Im Alter von 5-6 Jahren, zum Schuleingang, werden heute bei 38% der Jungen und 30% der Mädchen Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache festgestellt, gut die Hälfte dieser Kinder bekommt teure Sprachheilbehandlungen“, zitiert Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des BVKJ, aus den heute in Berlin von der Barmer GEK veröffentlichten Arztreport mit dem Schwerpunkt Kindergesundheit. „Das sind Zahlen, die wir seit Jahren aus eigenen Untersuchungen und aus den Schuleingangsuntersuchungen kennen. Zu einem großen Teil handelt es sich um Kinder aus bildungsfernen Familien, in denen nicht viel gesprochen wird und der Fernseher oder die Playstation die familiäre Kommunikation ersetzt, oder Familien mit Migrationshintergrund, in denen nur wenig deutsch gesprochen wird. Nur etwa jeder zehnte Fall hat eine medizinische Ursache.“ Verursacht würden die meisten Sprachentwicklungsstörungen durch familiäre Anregungsdefizite, die nicht nur zu Störungen der Sprachproduktion, sondern auch des viel ernster zu nehmenden Sprachverständnisses führen können. Deshalb erkläre sich, dass betroffene Kinder viel häufiger die Schule abbrächen oder nur schlechte Schulnoten beim Schulabgang aufwiesen. Allein die Störung der Sprachentwicklung könne also durchaus eine schlechte Sozialprognose bedeuten. Sprachentwicklungsstörungen seien deshalb eben nicht nur ein Kostenproblem für die Krankenkassen, sondern von teilweise schicksalhafter Bedeutung für die Kinder.

Abhilfe sieht Hartmann in der so früh wie möglich einsetzenden Förderung der Kinder unter Einbezug der Familien. „Besondere Unterstützung brauchen Familien in den bildungsfernen Schichten,“ betont der Verbandspräsident. „Deshalb fordere ich zum wiederholten Male die Bildungspolitik auf, ausreichende und bestqualifizierte Plätze in Krippen oder Kitas zur Verfügung zu stellen, um unter Einbezug der Familien fördern zu können. Das Medizinsystem kann mit seinem individualtherapeutischen Ansatz diese wichtige gesellschaftlich-pädagogische Aufgabe nicht übernehmen.“

Bezüglich der Barmer-GEK Zahlen zu Vorsorgeuntersuchungen sagte Hartmann, dass er sehr erfreut sei, dass mit Ausnahme der erst 2009 eingeführten U7A wenigstens 90% der Kinder von der U3 angefangen bis zur U9 teilnähmen. Diese Zahlenmittel aus den Jahren 2009 bis 2010 dürften heute aufgrund der jetzt bundesweit verbindlichen Vorsorgeuntersuchungen noch deutlich besser sein. Dies lasse sich am Beispiel des Saarlandes ablesen, in dem seit 2007 verpflichtende Vorsorgen eingeführt wurden und im Mittel bei allen Vorsorgen Teilnahmeraten um 97% erreicht würden.

Quelle: Barmer GEK / Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)

Redaktion: Ilja Koschembar

Back to Top