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Prof. Dr. Ronald Hitzler
Prof. Dr. Ronald Hitzler ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie an der Technischen Universität Dortmund. Er gilt als Kenner der Jugendkultur Techno und hat hierzu vielfältig publiziert.
>> www.hitzler-soziologie.de

Techno kann man nicht mit einer Wanderklampfe machen

In Duisburg sind während der Loveparade 21 Menschen ums Leben gekommen. Viele machen den kommerziellen Charakter der Veranstaltung als eine der Ursachen dafür aus. Eine Techno-Veranstaltung kann aber gar nicht anders, als kommerziell sein, sagt Prof. Dr. Ronald Hitzler. Schlussfolgerungen über die Ursachen sind verfrüht. Und: Die DJs haben in Duisburg einen guten Job gemacht.

Herr Prof. Hitzler, dass bei großen Veranstaltungen und Konzerten Menschen zu Tode kommen, hat es immer wieder gegeben. Manche Fälle sind sehr symbolhaft aufgeladen worden. 1969 erstach beim Festival in Altamont ein Ordner einen Besucher während des Auftritts der Rolling Stones. Das galt als das Ende der Unschuld der Hippie-Bewegung. Ist Duisburg das Altamont der Techno-Bewegung oder ist die Unschuld durch kommerzielle Vereinnahmung schon viel früher verloren gegangen?

RH: Jetzt bereits darüber zu spekulieren, was die Duisburger Katastrophe für die Techno-Szene bedeutet, halte ich für pietätlos gegenüber den Opfern.
Und analytisch gesehen kommt die Frage ohnehin viel zu früh. Grundsätzlich aber lässt sich begründet konstatieren, dass - anders als andere Jugendkulturen, wie fast exemplarisch etwa Hardcore/Straight Edge - die Techno-Szene kaum je kommerziell "unschuldig" war. Natürlich lassen sich Kleinstpartys, bei denen irgendjemand an die Plattenteller, bzw. deren technische Nachfolger, steht und Techno-Musik macht, mit viel gutem Willen der Protagonisten noch ohne Kosten veranstalten - wenn man eine Location dafür hat. Aber die normale Techno-Veranstaltung kostet in aller Regel - mitunter wesentlich - mehr als das, was durch die Eintrittspreise eingenommen wird. Also braucht eine Techno-Party Sponsoring. Anders als sogenannte E-Musik-Veranstaltungen sind die Sponsoren hier typischer Weise aber nicht irgendwelche öffentlichen Hände. Wenn man also das Sponsoring eines Tanzvergnügens durch Privatunternehmen als "kommerzielle Vereinnahmung" bezeichnen will, dann sind Techno-Veranstaltungen nachgerade unverzichtbar "kommerziell vereinnahmt". Techno kann man nicht mit einer Wanderklampfe machen.

Die Kommerzialisierung von Jugendkulturen geht auch immer mit ihrer inhaltlichen Aushölung einher. Techno hatte in seinen Anfängen viele politische und soziale Bezüge. Das gilt zum Beispiel für das anti-hierarchische Prinzip eines Dancefloors im Gegensatz zur frontal auf die Besucher ausgerichteten Bühne eines Rockkonzerts oder für die vielen afro-amerikanischen DJs und Produzenten, die das Bild einer "black secret technology" entwarfen. Hat das, was in Duisburg geschah, auch etwas mit der Kommerzialisierung und dem damit verbundenen Verlust von Werten und Inhalten zu tun?

RH: Die politischen und sozialen Bezüge der Techno-Szene waren immer diffus. In jenen mythisierten und mystifizierten "Anfängen" ging es im Kern doch vor allem um das Recht, das tun zu dürfen, was man eben tun wollte: mit anderen zusammen solche Partys feiern, wie man sie schätzte ohne illegalisiert oder gar kriminalisiert zu werden; einen Lebensstil pflegen, der andersartig sein bzw. der als andersartig wahrgenommen werden wollte und der auf der Idee situativer Harmonie basierte. Sehr viel konkreter als Dr. Mottes Erläuterungen zum Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" wurden die politischen und sozialen Bezüge kaum je expliziert. Allenfalls hat Jürgen Laarmann zu seinen Hoch-Zeiten als Techno-Tycoon die eine und andere spaßige Idee zu einer technofizierten Gesellschaft und hat Maximilian Lenz (Westbam) gelegentlich noch das eine und andere zur - allenfalls ausgesprochen kurzzeitigen - ästhetischen Omnipräsenz des Techno-Styles verlautbart.

Die Aufbau- und Inszenierungslogik einer Techno-Party, d.h. also einer Tanzveranstaltung, zielt im Gegensatz zur frontalen Konzertbeschallung, bei der alle Aufmerksamkeit auf die Protagonisten auf der Bühne gelenkt werden soll, auf die Erzeugung eines Klangraumes ab, innerhalb dessen es 'eigentlich' egal ist, wo und in welche Richtung sie stehen. Aber je berühmter die DJs wurden, um so mehr wollten die Menschen bei einer Techno-Party sie auch sehen - und zwar möglichst aus der Nähe. Und am liebsten wollten sie sie natürlich auch noch persönlich begrüßen und anfassen. Das führt bei größeren Veranstaltungen zu etlichen technischen und auch Sicherheitsproblemen. Dass die Turntables allmählich immer höher aufgestellt wurden, resultierte also wesentlich aus den Erwartungen und den Verhaltensweisen der Raver. Dass ich die Auffassung einer Verbindung von
Wert- und Inhaltsverlusten einerseits und Kommerzialisierung andererseits nicht teile, habe ich ja bereits gesagt. Und dazu, womit die Katastrophe von Duisburg zu tun hat, werde ich mich äußern, wenn ich genügend gesicherte Daten analysiert haben werde. Meinungen werden seit ungefähr 17.30 Uhr am 24. Juli 2010 von irgendwelchen Leuten ohnehin unentwegt abgegeben.

Obwohl Menschen ums Leben gekommen waren, ist in Duisburg weitergefeiert worden. Begründet wurde dies damit, dass man eine noch größere Massenpanik verhindern wollte. Das mag aus der Sicht der Organisatoren noch nachvollziehbar sein. Es irritiert jedoch auch das Verhalten der Besucher.
Man kann kaum glauben, dass der zeitweilige Ausfall des Mobilnetzes dazu geführt haben soll, dass niemand etwas wusste. Dagegen sprechen auch Berichte, wonach Besucher sehr konkrete Verhaltenstipps über Twitter bekommen haben. Warum feiern junge Menschen weiter, wenn nebenan gestorben wird?

RH: Wer von den Ravern auf dem Festplatz in Duisburg wann was gewusst bzw. gehört, und wer daraufhin dann was getan oder gelassen hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Sagen kann ich etwas zur Situation hinter der Hauptbühne, also dort, wo DJs, Künstler-Betreuer, Ablauf-Organisatoren, und die vielen Menschen, die auf der Veranstaltung als Hilfskräfte gearbeitet haben, während ihren Pausen sich aufgehalten haben: Gegen 17.45 Uhr kamen erste Nachfragen dazu, was geschehen sei, von Menschen, die irgendwo zu Hause am Fernseher bzw. vor dem Internet-Monitor saßen, auf Handys an. Das waren die ersten, nahe liegender Weise noch sehr vagen Informationen, die überhaupt 'backstage' ankamen.

Gegen 18.15 Uhr wussten wir dann - immer noch ausschließlich über die Handy-Kontakte - endlich hinlänglich sicher, dass etwa 200 Meter von uns entfernt, Menschen zu Tode gekommen waren. Der erste Impuls der meisten Menschen um uns herum war, die Musik abzuschalten und die Veranstaltung sofort zu beenden. Von dem an einem anderen Ort befindlichen Organisationsbüro arbeitenden Krisenstab kam jedoch die Anweisung, das Gelände weiter zu bespielen bzw. zu beschallen, um eine weitere bzw. noch größere Massenpanik zu vermeiden.

Die damit dann bis ca. 23 Uhr gegebene Situation hinter der Hauptbühne war nach meiner Wahrnehmung für alle Beteiligten extrem belastend: Das Wissen, dass vor der Bühne Massen vermutlich nichts ahnender Raver tanzen und feiern wollten, während zwei-, dreihundert Meter entfernt Tote und Schwerverletzte lagen, zeichnete sich auf den Gesichtern der meisten Menschen um mich herum als Entsetzen, als Schock, als Desorientierung ab. DJs brachen in Tränen aus. Eine ganze Reihe von ihnen erklärte sich außer Stande, ihre Musik zu spielen. Andere willigten spontan ein, mit ihren Fähigkeiten dabei zu helfen, die Party zu einem einigermaßen geordneten Ende zu bringen. Und während nun die Mitglieder der "Crew" ihr Möglichstes taten, um die mannigfaltigen technischen Probleme weiterhin im Griff zu behalten bzw. zu lösen, improvisierten die Ablauf-Organisatoren auf der Basis sich ständig ändernder Informationen darüber, wer von den Künstlern nun überhaupt wo und wie verfügbar sei, mit beeindruckender Professionalität immer neue Line-Ups.

Welche Stimmung an der sogenannten Südbühne - bis gegen 24 Uhr - herrschte, weiß ich nur bruchstückhaft und zu großen Teilen aus späteren Medienberichten. Den DJs an der Hauptbühne jedenfalls aber attestiere ich, einen in der gegebenen Situation ausgesprochen guten Job gemacht zu haben: Sie spielten absichtsvoll eine Musik, die ganz allmählich immer untanzbarer wurde, so dass die Menschen vor der Bühne mehr und mehr eher standen als dass sie sich bewegten, sofern sie sich nicht ohnehin vom Platz entfernten.

Bei den Menschen hinter der Bühne war eindeutig Erleichterung zu spüren, als die für sie mehr als makabre Situation kurz nach 23 Uhr zu Ende war.

ch

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