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Erziehungskraft von Familien stärken - aber wie?

Abschlusserklärung der 15. Arbeitstagung der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Jugendfragen (IAGJ)

vom 10. bis 15. September 2006 in Potsdam

Die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Jugendfragen (IAGJ) ist ein Forum von Expertinnen und Experten der Jugendhilfe und des Jugendrechts aus den Ländern Deutschland, Niederlande, Österreich und Schweiz. Auf ihrer 15. Arbeitstagung, die vom 10. bis 15. September 2006 in Potsdam stattfand, haben sich die Delegationen der genannten Länder - sowie eine vom Veranstalter eingeladene Expertin aus Polen - mit der Frage befasst, wie die Erziehungskraft von Familien gestärkt werden kann.(1)

1. Viele Eltern haben heutzutage Angst, an ihrem Erziehungsauftrag zu scheitern.

Der Veranstalter hatte die Themenstellung („Erziehungskraft von Familien stärken – aber wie?“) als Frage formuliert, dabei allerdings ausgehend von einer suggestiven Unterstellung, nämlich dass es um die Erziehungskraft von Familien nicht gut bestellt zu sein scheint (denn sonst müsste sie nicht gestärkt werden) und nur noch die Frage offen ist, wie diese als notwendig erachtete Stärkung sinnvoll bewirkt werden könnte / sollte.

Alle Delegationen bestätigten, dass die gewählte suggestive Formulierung der aktuellen „gesellschaftlichen Stimmungslage“ in ihren Ländern entspreche. Alarmierende Meldungen über die desolate Situation in Familien, zunehmende Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen, signifikante Gesundheitsprobleme, Kritik an mangelndem Engagement der Eltern im Hinblick auf den Schulbesuch ihrer Kinder, die hohen Scheidungsziffern, spektakuläre Fälle von Kindesvernachlässigung schreckten auf.

Übereinstimmend wurde konstatiert, dass Erziehungsfragen immer stärker ins Zentrum der öffentlichen und medialen Aufmerksamkeit rückten. Es sei von „gravierenden Erziehungsdefiziten“ die Rede, von „Notstand der Erziehung“ oder gar von einer „Erziehungskatastrophe“. Was die „Institution Familie“ angehe, so werde schon seit längerer Zeit ein zunehmender Verlust ihrer Funktionen beklagt, wenn nicht gar ihr Ende angekündigt. Kurzum: Die Familie als Keimzelle gesellschaftlichen Lebens drohe zu zerfallen.

Zwar seien Ratschläge für richtige Erziehung gefragt, hätten „Erziehungsratgeber“ in den Medien Hochkonjunktur und (mehr oder weniger kompetente) Publizisten griffen diese Unsicherheit auf. Viele Eltern blieben aber verunsichert, hätten Angst, an ihrem Erziehungsauftrag zu scheitern.

Quer durch die Delegationen wurde allerdings eine allzu pauschale und dramatisierende Darstellung der Lage für unangemessen gehalten. Die Klage über Mängel in der Erziehung sei so alt wie die Menschheit. Es komme darauf an, differenziert an die Fragestellungen heran zu gehen. Einem allgemeinen Lamento nachzugeben verleite eher dazu, den vielen Worten (Sonntagsreden) keine Taten folgen zu lassen. Wichtig sei vielmehr, die Ursachen für Defizite genauer zu untersuchen und konzeptionelle oder weltanschauliche Kontroversen im Hinblick auf erzieherische Fragen bzw. die Anforderungen an Familien in Sachen Erziehung nicht zu vermeiden, sondern offen auszutragen.

Was immer aber die Ursachen im Einzelnen sein mögen - die Frage liegt nahe, ob nicht vielen bzw. allzu vielen Familien die Kraft ausgegangen ist bzw. auszugehen droht, ihre erzieherischen Funktionen wahrzunehmen und ob deshalb nicht mehr als bislang getan werden muss, die Erziehungskraft von Eltern bzw. von Familie zu stärken.

Es bestand jedenfalls Konsens, dass die Erziehungskraft von Familien auch als Aspekt öffentlicher Verantwortung zu sehen ist. Diese Verantwortung verlange, dass in den Blick genommen wird, wie es um die Erziehungskraft von Familien steht, und dass kontinuierlich (bzw. „nachhaltig“) die notwendige Unterstützung der erzieherischen Aufgabe von Familie gewährleistet wird.

2. Erziehung hat mit Werteorientierungen zu tun. Und das macht sie so wichtig, aber auch schwierig.

Erziehung, wie immer man diesen Begriff im Detail definiert, zielt auf die Etablierung erwünschter Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen, auf Werte und Normen. In der praktischen Umsetzung sind Familien dabei insbesondere mit spezifischen Problemen konfrontiert:

  • In Zeiten ausgeprägter Wertepluralität sind Kinder wie Eltern oftmals sehr verunsichert, welche Wertmaßstäbe gültig sind bzw. vorrangig gelten. Da in unserer Gesellschaft Erziehung immer auch Aushandlungsprozesse impliziert, sind besondere Fähigkeiten, ist letztlich auch viel Toleranz gefordert.
  • Eltern erinnern sich an ihre eigenen Erziehungsprozesse und eine klare Ansage von Seiten ihrer Eltern. Doch die Zeiten haben sich geändert: Kinder lernen in anderen Familien und bei Freunden, wie sie ihre Bedürfnisse durch beständiges Bearbeiten durchsetzen können. Dies schwächt die eigenen Maßstäbe und stellt deren Autorität beständig in Frage.
  • Erziehung verlangt von Eltern zu allererst viel Geduld, Ausdauer und konsequentes Verhalten sowie Aushandlungsgeschick und Überzeugungsfähigkeit. Sie ist naturgemäß mit erheblicher physischer und psychischer Anstrengung verbunden. Das bedeutet aber auch: Eigene Grenzen werden erfahren, Fehlentscheidungen und Fehlentwicklungen müssen verkraftet werden.
  • Erziehung hat wesensmäßig mit Entwicklung zu tun und also mit der stetigen Öffnung von Grenzen, auch von Grenzüberschreitung. Zugleich verlangt Erziehung, dass Grenzen aufgezeigt und erfahrbar gemacht werden. Das führt notwendigerweise zu Konflikten, fördert Verunsicherung.
  • Die Anforderung an Erziehende besteht insofern darin, sich für bestimmte und gegen andere Wertepräferenzen entscheiden zu müssen. Sie werden sich dabei für jene Werte entscheiden, welche ihnen in Anbetracht der erlebten gesellschaftlichen Gegebenheiten und Erfordernisse als sinnhaft und nützlich erscheinen.

Als Beispiel für die Problematik wurde die Werbung angesprochen, die Kinder und Jugendliche als Konsumenten entdeckt habe. Den Familien werde Harmonie in Aussicht gestellt, wenn Kindern aufgrund ihres Durchsetzungsvermögens ein bestimmter Konsumwunsch realisiert werde. Subtil werde den Eltern Ruhe versprochen, den Kindern Beschäftigung geboten, obwohl keiner so recht weiß, wozu dieser Aufwand gut sei.

3. Erziehung hat auch die Funktion, Lernen zu fördern, Bildungsprozesse anzuregen.

Warum soll sich ein Kind mit Computerspielen beschäftigen? Um sich Medienkompetenzen anzueignen? Bestenfalls. Oder um sich von seiner schulischen Belastung abzulenken? Oder weil es sich so einfach die durch Individualisierung geschaffene Langeweile vom Hals schafft? Zwar haben Eltern in der Regel andere Erziehungsziele vor Augen, aber die Realitäten sind nun mal so. Mit ihnen sind Eltern konfrontiert – und oft überfordert. Das gilt auch und erst recht im Hinblick auf Bildung. Bildung aber ist ein intransitiver Prozess, impliziert die Selbstaneignung.

Erziehungsziele verwirklichen zu wollen und Bildungsanregungen zu schaffen, die sich das Kind / der Jugendliche ungesteuert selbst aussucht, das scheint ein Widerspruch in sich zu sein. Erziehung kann aber sehr wohl erreichen, dass sich Kinder in einem interaktiven Prozess das aneignen, was für ihre Zukunft nötig ist und um die aktuellen Anforderungen zu bewältigen. Die Erwachsenen helfen ihnen dabei, wenn sie trotz der das Lernen behindernden Schnelllebigkeit Zeit und Kraft investieren, offen bleiben für neue Formen der Interessenswahrnehmung und der Weltanschauung und bereit sind, das Selbsterworbene in Frage zu stellen. Solches Verhalten blockiert Bildung nicht etwa, sondern fördert Selbstbildung. Aber dazu muss der erforderliche Raum da sein, ggf. zur Verfügung gestellt werden.

Bei Bildungsanregungen, die Erziehende aussuchen, fällt heute auf, dass sie oftmals den Kinder- und Jugendwelten nicht mehr entsprechen. Da Bildung selbstreferenziell ist, suchen sich Kinder und Jugendliche das aus, was zu ihrem Lebenszusammenhang passt und sie interessiert. Hier können sich Kräfte gegenseitig blockieren. Dem Bildungsauftrag kann man sich daher nur gemeinschaftlich stellen. Es müssen Situationen arrangiert werden, die Kinder und Jugendliche interessieren und denen sich die erziehungsfördernden Personen, sei es privat oder institutionell, ernsthaft stellen.

Familien brauchen aber oft Unterstützung, um ihre Werte durch anregende Impulse wirksam vermitteln zu können. Es kann dabei geholfen werden, dass man sich der eigenen Ziele klarer wird und in der Folge dann auch eher mit der Welt der Kinder und Jugendlichen reflektiert umgehen kann. Eltern brauchen dabei Halt und Anerkennung sowie solidarische Unterstützung, zumal sie oftmals mit „Gegenwind“ aus der Welt der Medien rechnen müssen.

Bildung bedeutet für Kinder und Jugendliche Arbeit an der Differenz. Sie bemerken, dass Dinge in ihren Bezugssystemen bisher anders gelebt werden und somit wollen sie Neues ausprobieren. Eltern müssen dann gestärkt werden, um das neue „Nein“ der Kinder zu ertragen und auszuhandeln. Dies kostet aber Kraft, die Eltern und erziehende Personen nicht immer ohne weiteres aufbringen können.

4. „Erziehen“ ist Teil des Kontextes, in dem Lernen geschieht. Dabei kommt Familie zentrale Bedeutung zu.

Lernen geschieht

  • aus eigenem Antrieb, also aus der Persönlichkeit des Kindes selbst heraus, aus dem Erkennen von Bezügen, dem spielerischen Erproben, aus Einsicht, aber auch
  • aus dem Nachahmen von Vorbildern und
  • durch Bekräftigung 
  • beziehungsweise aus einer Kombination dieser drei Lernmodi.

Lernen aus eigenem Antrieb und eigenem Erkennen erfordert ein soziales und materielles Umfeld, in dem der eigene Antrieb ausgelebt werden kann. Es braucht Erwachsene, die Zeit und Energie haben, sich mit dem Kind unterstützend und anfordernd auseinander zu setzen und Altersgenossen, denen das Kind im Spiel begegnen kann. In der Familie können Kinder am ehesten Bekräftigung erfahren, Erwachsene, die das Kind wahrnehmen, es ermutigen und es um seiner selbst Willen lieben und wertschätzen, Erwachsene, die Kraft und Geduld haben, Grenzen zu setzen. Diese sollen das Kind ermutigen, gegen den Strom zu agieren und auch gegen die Konsumorientierung und Ego-Gesellschaft sich auf Solidarität zurückzubesinnen, auch wenn dies schwieriger wird, als für sich alleine etwas durchzusetzen.

Familie ist also nicht nur Ort für Erziehung, sondern auch für Lernen, für Bildung. Wo sonst können Kinder so gut lernen, die Schuhe zu binden, eine Mahlzeit zu kochen, Fußball zu spielen, auf französisch bis zehn zu zählen, ein Baby zu wickeln, einen Nagel einzuschlagen, einen Computer zu bedienen?

5. Erziehung ist aber eine Herausforderung.

Familien und hier insbesondere die Eltern sind bei der Erziehung ihrer Kinder vor vielfältige Aufgaben gestellt: Kinder zu selbstbewussten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu erziehen. Verlangt werden nicht nur Kenntnisse in Entwicklungs- und Erziehungsfragen, sondern vor allem Kompetenzen, von denen zu fragen ist, wo sie heutzutage erlernt werden können. Dabei besteht in der Fachwelt Einigkeit, dass durch noch so viel Kompetenz noch keineswegs eine „Garantie“ für gelungene Erziehung gegeben ist. Niklas Luhmann formuliert es pointiert so: „Das, was der Erzieher sich vornimmt, ist unmöglich“.

Diese systemtheoretische Grunderkenntnis darf aber - sozusagen im Umkehrschluss - nicht missverstanden werden, als käme es auf Kompetenzen nicht an. Es ist in den Blick zu nehmen, dass - trotz bzw. weil der Lebensalltag von Familien zunehmend komplexer wird - das Erfüllen der Elternrolle besondere Kompetenzen verlangt, etwa Beziehungs-, Ernährungs- und Gesundheitskompetenzen, Medien- und interkulturelle Kompetenzen sowie Fähigkeiten in der Finanz- und Haushaltswirtschaft.

Viele Eltern und Familien stoßen dabei an ihre Grenzen, sie fühlen sich überfordert. Nicht selten fehlt es Eltern selbst an Orientierung, an Leitbildern und Zielen, an Wissen und auch an eigener Bildung, die sie ihren Kindern weitervermitteln können. Auch haben Eltern es zunehmend mit unerwünschten "Miterziehern" (Fernsehen, Internet, Computerspiele etc.) zu tun. Insbesondere aber fehlt es allzu oft an Kraft, zumal nach übereinstimmender Einschätzung der Fachwelt vielen Eltern die sog. „intuitive Erziehungskraft“ blockiert oder verdeckt ist.

Die gegenwärtige Situation zeigt, dass gesellschaftliche Umbrüche bei Eltern und Kindern zu Unsicherheiten führen, weil sich über Jahrzehnte bewährte Strukturen und Rahmenbedingungen und damit verbundene individuelle Lebensentwürfe von Familien verändern.

6. Erstmal Familie stärker machen, damit diese stark sein kann für Erziehung.

Dass der familiäre Kontext für Erziehung und Bildung so wichtig ist, gilt in der Fachwelt als unumstritten. Es kann offen bleiben, von welchem Familienbegriff dabei ausgegangen wird. Ein einheitliches Verständnis darüber, was unter dem Begriff Familie zu fassen ist, gibt es nämlich nicht. Lange wurde an einem Familienbegriff festgehalten, der Familie nur in Verbindung mit Ehe gedacht hat. Überwiegend wird diese Dualität von Ehe und Familie begrifflich jedoch nicht mehr vorausgesetzt.

Aus Sicht der IAGJ-Delegationen ist Familie das für ein Kind relevante Bezugssystem, das neben den Eltern auch Lebenspartner, Großeltern, Pflegeeltern und Tagesmütter umfassen kann und das als eine Gemeinschaft mit starken Bindungen zu verstehen ist, in der mehrere Generationen füreinander sorgen. Neben der Lebensform Familie als Vater-Mutter-Kind-Gemeinschaft gewinnen ja zunehmend andere, neue familiäre Lebensformen (mit Kindern) an Gewicht. Hierzu gehören allein erziehende Mütter und Väter, Fortsetzungs- und Patchwork-Familien, Stief-Familien, nichteheliche und kinderlose Partnerschaften, Familien mit Migrationshintergrund, ein Zusammenleben von Partnern des gleichen Geschlechts oder die „Lebensabschnittsgefährtenschaft“. 

Familien, in diesem weiten Sinne verstanden, haben heute mit vielfältigen Problemen zu kämpfen, die ihnen das Leben schwer machen. Angesichts finanzieller Probleme vieler Familien, oftmals fehlendem bezahlbarem Wohnraum, der Schwierigkeiten, Familie und Beruf in Einklang zu bringen, entstehen neue Probleme und werden neue Fragen zur Erziehung gestellt, bilden sich aber auch Selbstzweifel und Sinnkrisen. Die zunehmende Individualisierung und Anonymisierung, wachsende Globalisierung und steigende Anforderungen an die berufliche Mobilität und Flexibilität haben dazu beigetragen, dass das Netz innerfamiliärer und nachbarschaftlicher Hilfen oftmals nicht mehr funktioniert (soweit es überhaupt noch vorhanden ist). Verstärkt werden die Probleme durch traumatisierende Ereignisse / Veränderungen, nicht zuletzt durch Trennung und Scheidung von Eltern und die Zuordnung zu einer neuen Familie.
 
Die Stärkung der Familie als gesellschaftliche „Kernressource“ betrifft nahezu alle gesellschaftlichen und politischen Handlungsfelder. Es geht darum, die Lebensbedingungen von Familien unter Aspekten wie Zeit, Geld, Infrastruktur, Kompetenz und Klima zu verbessern und Einfluss auf das Gelingen positiver Lebensweltgestaltungen für Kinder und Jugendliche zu nehmen. Für eine zukunftsfähige Familienpolitik und die nachhaltige Stärkung von Familien sind neben den originär staatlichen Akteuren aber auch andere Partner, wie z. B. Wirtschaftsunternehmen von zentraler Bedeutung. Hier muss Kinder-, Jugend- und Familienpolitik neue Kompetenzen und wirksame Instrumente entwickeln, um in diesen relevanten Bereichen familienbewusstes Handeln positiv zu beeinflussen.

7. Familien brauchen praktische Unterstützung: Geld, Zeit und Infrastruktur.

Die im 7. Familienbericht der deutschen Bundesregierung betonte familienpolitische Trias von ausreichendem Einkommen, einer unterstützenden Infrastruktur und genügend Zeit wurde in den weiteren Diskussionen der Arbeitstagung als Grundbedarf von Familien und wesentliche Voraussetzung zur Entwicklung von Erziehungskompetenzen zugrunde gelegt. Einigkeit bestand dahingehend, dass eine Familienförderung, die überwiegend monetäre staatliche Leistungen für Familien anzielte, ineffektiv bleiben würde. Anzustreben sei eine Vielfalt familienpolitischer Instrumentarien.

Dabei empfehlen die Delegationen übereinstimmend, dass die öffentliche Hand finanzielle Leistungen für Familien nicht in Einzelmaßnahmen aufsplittert, sondern sich vorrangig auf Phasen konzentriert, in denen ein besonderer finanzieller Bedarf zu erkennen ist. Monetäre Transferleistungen sollten sich mehr als bisher am Lebenslauf orientieren und vor allem Eltern in den ersten Jahren des Familienaufbaus fördern. Neben Geldleistungen seien aber mindestens ebenso wichtig eine familiengerechte soziale Infrastruktur für Bildung und Betreuung sowie Veränderungen der Zeitstrukturen in der Arbeitswelt, im Bereich der Erwerbsarbeit ebenso wie in der Ausbildung.

Strukturelle Unterstützungen reichten aber, wie übereinstimmend festgestellt wurde, bei Weitem nicht aus, um die Beziehungsqualität von Familien zu unterstützen bzw. zu stärken. Es bedürfe einer Kinder- und Jugendhilfe, die sich von ihrer traditionell starken Einzelfallorientierung löse, sich intensiver als bislang der Infrastruktur des Sozial- oder Gemeinraums annehme und sozialpädagogische Sichtweisen einbringe. Sie müsse sich neue Wege überlegen, wie ihre Präsenz in Sozialräumen zu gewährleisten sei, als Unterstützer, jenseits der Organisation von Hilfebedürftigkeit, also auch als ein kompetenter Ansprechpartner, der nicht den Anschein erweckt, dass er letztlich Eltern erziehen will, statt sie in ihrer Erziehungstätigkeit zu unterstützen (so aber immer noch die verbreitete Klischeevorstellung oder gar Erwartung der Öffentlichkeit!). So werde auch deutlicher, dass Kinder- und Jugendhilfe primär(2) nur dazu beiträgt, dass Erziehung gelingen kann, dass sie dabei helfen kann, dass Andere (Eltern, Familie, Schule) ihre wichtige und schwierige Aufgabe der Erziehung erfüllen. Ein überzogener Anspruch sei eher hinderlich, fördere die Gefahr falscher Erwartungen, erhöhe das Risiko des Scheiterns.

8. Öffentliche Verantwortung für die Förderung von Erziehungskraft erhalten bzw. stärken.

Familie ist und bleibt die wichtigste Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsinstanz und kann bei entsprechender Ausstattung für das Aufwachsen der Kinder enorm viel leisten. Sie kann aber für die Kinder in den entscheidenden Jahren des Aufwachsens auch zu einer lebenslangen Hypothek werden. Das System der öffentlichen Bildung, Betreuung und Erziehung muss daher Familien von Anfang an in der Ausübung ihrer Erziehungsverantwortung und Entwicklung ihrer Erziehungskraft unterstützen und ergänzen.

Die vorrangige Verantwortung für die Erziehung liegt bei den Eltern. In der Familie erfahren die Kinder grundlegende Werte und Einsichten über menschliche Beziehungen, den Umgang miteinander, über Verantwortung und soziales Lernen. Die in der Familie erfahrenen Bindungen, Orientierung und Kompetenzen sind entscheidende Grundlage für die Persönlichkeit junger Menschen. Die stärkere Betonung öffentlicher, staatlicher und gesellschaftlicher Verantwortung für das Aufwachsen junger Menschen bedeutet also nicht, den Vorrang elterlicher Verantwortung für die Erziehung der Kinder zu schmälern. Diese ist vielmehr einzufordern und zugleich zu fördern.(3)

Der in den Mitgliedstaaten gleichermaßen gesetzlich verankerte Schutz- und Förderauftrag des Staates verpflichtet die staatliche Gemeinschaft, Eltern von Anfang an bei der Erfüllung ihrer elterlichen Aufgaben zu unterstützen, ihnen die Wahrnehmung ihrer Verantwortung zu ermöglichen und ihre Erziehungskraft zu stärken (UN-KRK; MRK; in Deutschland auch: Artikel 6 Grundgesetz, § 1 SGB VIII / KJHG).

Gemeint sind damit vor allem eine stärkere Betonung der eigenen Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten der Familien und deren Umfeld. Familien verfügen strukturell über weitreichende Potentiale. In Anerkennung der elementaren Bedeutung der Familie für den Erhalt einer menschlichen Gesellschaft liegt die Förderung und Unterstützung familiärer Erziehungskraft daher in zentralem öffentlichem Interesse und originärer staatlicher Verantwortung. Nur wenn Erziehungskraft und Erziehungskompetenz im Zusammenspiel (und ggf. Spannungsfeld) von Elternverantwortung und öffentlicher Verantwortung durch entsprechende Förderung in zeitgemäßen Formen vermittelt werden, kann jenseits von Idealisierungen von Familie deren Leistungsfähigkeit unterstellt und eingefordert werden.

9. Angebote zur Stärkung der Erziehungskraft nur an einzelne Bevölkerungsgruppen?

Die Expertinnen und Experten der Konferenz waren sich einig, dass Bedarf an Information, Beratung, Begleitung und Unterstützung bei der Bewältigung ihres Alltags grundsätzlich bei allen Familien besteht, nicht etwa nur bei sog. Problemfamilien. Lernen, Erfahrungen sammeln, Einsichten gewinnen, sich austauschen sind Anliegen, die alle Eltern, alle Familien angehen. Unterstützungsangebote sollten sich jedenfalls grundsätzlich an alle Bevölkerungsgruppen und Lebensformen wenden und nicht nur an besonders Motivierte oder nur an besonders Bedürftige zum Ausgleich von Defiziten. Festzustellen sei allerdings, dass die Angebote von Familienbildung derzeit meist solche Gruppen erreichten, „die es am wenigsten brauchen“.

Dahinter steht keineswegs die Vorstellung einer staatlich verordneten, normierten Zwangsbildung. Eine „Zertifizierung“ von Eltern, ein sog. „Elternführerschein“ wurde ausdrücklich abgelehnt. Befürwortet wurde aber ein höheres Maß an „common sense“ zur Selbstverpflichtung in Sachen Eltern- und Familienbildung bzw. eine durch Eigenverantwortung stärker motivierte Suche und Beschaffung der benötigten Hilfen und Leistungen. Das setze allerdings ein entsprechendes Angebot voraus, und zwar grundsätzlich für alle Familien, in allen Schichten, für alle Phasen, für alle erziehungs- und familienrelevanten Aspekte, wenn auch mit einer besonderen Verantwortung für die Familien, die erkennbar in der Wahrnehmung elementarer Schutzpflichten überfordert zu sein scheinen und noch stärker auf Förderung und Unterstützung angewiesen sind.  

10. Auch die Arbeitswelt muss familienfreundlicher gestaltet werden.

Die Erziehungskraft von Familien generiert sich nicht nur aus den immanenten Ressourcen oder öffentlicher Förderung. Zentrale Bedeutung kommt den die Familie prägenden Bedingungen der Arbeitswelt zu. So wurde gefordert, dass Betriebe dazu angehalten werden sollten, zur Unterstützung des Familienlebens mehr zu tun und Rahmenbedingungen zu schaffen, als es die nationalen Gesetze zwingend verlangen.

Festzustellen sei aber auch immer wieder, dass selbst über die ohnehin verbrieften Rechte von Eltern gegenüber der Arbeitswelt zu wenig informiert werde. Informationsbroschüren sollten breit gestreut werden, es sollte offensiv berichtet werden über Angebote der Kinderbetreuung und andere praktische Unterstützung für Familien. Die anhaltende Debatte über die richtigen Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit dürfe nicht bei der ideologischen Grundsatzfrage zur (abstrakten) Bewertung von Familie stehen bleiben, sondern müsse stärker die differenzierten (konkreten) Bedarfslagen in den Blick nehmen. Dazu gehören auch „flankierende Entlastungen“ wie z.B. Zugangserleichterungen zu kulturellen Angeboten, die angesichts verstärkter Privatisierung und Kommerzialisierung - von Ausnahmen abgesehen - dazu neigen, familienfreundliche Kostenstrukturen (Ermäßigungen oder freien Eintritt) aufzugeben.

11. Schule und Familie: Verlässlichkeit auf Gegenseitigkeit erwünscht!

In der aktuellen Diskussion um die Entwicklung des Bildungswesens und insbesondere des Schulwesens ist allzu oft einseitig von den Defiziten in den Elternhäusern / Familien die Rede, weniger davon, dass die Schule auch eine wichtige Stütze von Erziehung und Bildung in der Familie sein kann und sein sollte. Dazu zählen organisatorische Aspekte wie die Verlässlichkeit der Betreuungszeiten, aber auch die Bereitschaft, sich auf partnerschaftlicher Basis aufeinander zu beziehen, sich zu ergänzen oder ggf. auch zu korrigieren. Ähnliches gilt auch schon vor der Schule, also im Kindergarten und anderen Formen vorschulischer Betreuung.

12. Zusammenarbeit von Institutionen gefordert. Kein Abwälzen von Verantwortlichkeit.

Eltern, Verantwortliche in Schulen und in der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch allgemein Repräsentanten aus Politik und Gesellschaft erheben zunehmend und zu Recht die Forderung, die familiäre Erziehungskompetenz bzw. Familie als zentrale Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisationsinstanz zu stärken. Zwar gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Erziehungsratgebern, Informationsmaterialien, Elternkursen und Beratungsstellen, die Familien bei der Erziehung unterstützen und anleiten. Sie scheinen aber - ungeachtet ihrer unentbehrlichen Funktion - an den Grenzen ihrer Wirkungsmöglichkeiten angekommen zu sein.

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass bei Problemen und Erziehungsfragen nach wie vor die familiären Netzwerke in Anspruch genommen werden. Erst an zweiter Stelle folgen Personen und Institutionen, die im Alltag der Familien verankert sind, wie Kinderärzte, Erzieherinnen und Lehrer. Sie sind und bleiben aber wichtig und können ihre Kompetenzen nur wirksam werden lassen, wenn sie zuverlässig zur Verfügung stehen. In der Regel gilt aber, dass solche Institutionen, je hochschwelliger sie sind, sie desto weniger in Anspruch genommen werden.

Entscheidend ist, dass Beratungsdienste ihre Hilfen unbürokratisch anbieten (können): schnell erreichbar sind, familienfreundliche Öffnungszeiten haben, kurze oder keine Wartefristen, ohne Zuständigkeits-Hierarchien und untereinander vernetzt. Unverzichtbar ist die aktive Beteiligung und Mitentscheidung der Eltern und Kinder bei Festlegungen über Art, Inhalt und Umfang der Hilfen. Die Angebote sollten von Familien genutzt werden können, ohne dass diese besondere Vorkenntnisse mitbringen müssen. Auch Teilnahmebeiträge oder sonstige formale Eingangsvoraussetzungen lassen die Motivation zur Inanspruchnahme eher sinken. Indem die oben beschriebene Vielfalt an Orten und Einrichtungen mit einem Höchstmaß an sozialer Reichweite genutzt wird und auch weniger „bildungsgewohnte“ Familien erreicht werden, kann der niedrigschwellige Zugang zu erziehungsunterstützenden Angeboten am effektivsten realisiert werden.

Alle Institutionen sollten abgestimmt agieren und in ein Gesamtkonzept von Erziehungsleistung einbezogen sein. Verantwortung sollte nicht untereinander verschoben werden, sondern sinnvoll und angemessen verteilt sein. So sollten Kindergarten, Schule und andere Erziehungsinstitutionen nicht darüber lamentieren, wenn Eltern überfordert zu sein scheinen, sondern gemeinsam und unterstützend mit den Eltern arbeiten, gerade weil sie professionell sind, an einem Strang ziehen.

Nach wie vor zeigt sich in vielen Kommunen ein Nebeneinander unterschiedlicher familienbezogener Leistungen und Dienste, die wenig transparent, abgestimmt und den veränderten Lebenslagen von Familien angepasst sind. Diese „versäulende“ Angebotsstruktur hat sich nicht bewährt.

Für bestimmte Zielgruppen mit besonderem Hilfebedarf und in benachteiligten Sozialräumen sind jedoch auch „Gehstrukturen“ erforderlich, um Angebote gezielt an die lebensweltlichen Bezugssysteme von jungen Menschen und Familien anschlussfähig zu machen (z. B. angebunden an Kindertagesstätten oder Schulen, Streetwork, Casemanagement).

Beratungs- und Unterstützungsdienste müssen personell so ausgestattet sein, dass sie im Wesentlichen auch präventiv und aufsuchend arbeiten können. Dazu gehört, dass diese Dienste auch werbend auf ihre Angebote aufmerksam machen und stärker mit Hilfen verbunden werden, die Familien bereits in Anspruch nehmen: Geburtsvorbereitungskurse, Stillgruppen, Früherkennungsuntersuchungen, Kindertagesstätten u. ä.. Damit wird die Hemmschwelle gesenkt und eine wesentlich breitere Zielgruppe angesprochen.

13. Familien „da abholen, wo sie sind“.

Die Lebenssituation von Familien und ihr konkreter Bedarf an Unterstützung werden von vielen Faktoren geprägt: Durch die soziale Lage, das Bildungsniveau, das Einkommen, möglicherweise durch Migrationserfahrung, durch die Haushaltsstruktur, die vorhandenen sozialen Netzwerke, das Rollenverständnis zwischen Frauen und Männern und nicht zuletzt durch die jeweiligen Wertorientierungen und Einstellungen. Die familiäre Erziehung findet im Kontext des Alltagslebens statt und ist naturgemäß von den o. g. sozial-kulturellen Rahmenbedingungen geprägt.

Erziehungskraft steht in großer Abhängigkeit zur jeweiligen sozialen Lage und im Kontext allgemeiner Lebensbewältigungskompetenz. Sie ergibt sich immer weniger aus der Tradition gesicherter Prinzipien und Inhalte, die die späteren Eltern wie selbstverständlich von den eigenen Eltern und Großeltern aufnehmen könnten. Deshalb müssen Erziehungskompetenzen immer häufiger - wo nicht durch gute Vorbilder in der eigenen Familie oder im Freundeskreis erfahren - systematisch erlernt und eingeübt werden. Familien muss es heute stärker als früher ermöglicht werden, sich durch individuelle Informations- und Bildungsangebote Kenntnisse zur Kindererziehung in den verschiedenen Lebens- und Entwicklungsphasen zu erwerben.

14. Migrationserfahrung als Potenzial, nicht als Defizit wahrnehmen lernen.

Mit Blick auf den zunehmenden Anteil von Familien mit Migrationshintergrund in allen IAGJ-Mitgliedsländern (allein in Deutschland hat heute bereits jedes vierte Kind einen ausländischen Elternteil) besteht ein erhöhter Bedarf und ein gesteigertes Interesse der Eltern an Sprachförderung, um dadurch die Start- und Bildungschancen ihrer Kinder zu verbessern. Tatsächlich werden Familien mit Migrationshintergrund mit den klassischen Unterstützungs- und Beratungsangeboten bislang aber in viel zu geringem Maße erreicht. Die Entwicklung neuer, informeller Zugänge zu Migrantenfamilien muss daher gefördert werden (z. B. durch neue Formen interkultureller Stadtteilarbeit). Dabei muss berücksichtigt werden, dass es nicht „die Migranteneltern“ bzw. „die ausländische Familie“ gibt. Auch bei ausländischen Familien gibt es eine Vielzahl von Lebensformen, die geprägt sind von einer Vielfalt unterschiedlicher Kulturen, Migrationshintergründen und Zukunftsperspektiven. Entsprechend unterschiedlich ist der jeweilige Unterstützungsbedarf.

In den fachpolitischen Diskussionen um die besondere Lage von Migrationsfamilien ist mitunter eine problematische Defizitorientierung festzustellen. Zwar wirken nach unseren kulturellen Traditionen und Wertvorstellungen manche Familienrituale und Erziehungsformen in Migrationsfamilien im wörtlichen Sinne fremd bzw. befremdlich. Es ist aber wenig hilfreich, sie samt und sonders als veraltet oder unmodern zu brandmarken, wenn sie von einer humanen Grundhaltung und einem positiven Familienklima geprägt sind. Jedenfalls wird man Ansätze von Familienberatung bei Migrationsfamilien nicht sinnvoll entwickeln können, wenn hier nicht wohlwollend und ressourcenorientiert gearbeitet wird. Disziplinierende Interventionen mögen im Einzelfall erforderlich sein, sind aber nicht originär Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe.

15. Risikofaktoren aus Sicht des Kindesschutzes.

Das o.g. Postulat, dass sich Initiativen zur Förderung der Erziehungskraft von Familien nicht auf „Problemfamilien“ beschränken sollten, darf nicht dahingehend missverstanden werden, dass es solche Gruppen nicht gäbe bzw. es diesbezüglich nicht besonderer Initiativen bedürfte. Aber es wäre kontraproduktiv, wenn Programme zur Förderung der Erziehungskraft für solche Zielgruppen priorisiert würden. Damit würde der Eindruck vermittelt, in Wahrheit sei eingeschränkte Erziehungskraft insbesondere ein Problem solcher Familien. Zudem würde eine problematische Stigmatisierung hervorgerufen mit all den in der Wissenschaft bekannten negativen Auswirkungen.

Auch hier gilt, dass differenziert vorgegangen werden sollte. So ist wichtig, dass den besonderen Risikofaktoren für Kinder genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die sog. Indexprobleme müssen zur Kenntnis genommen werden, ohne dabei zu pauschalen Einschätzungen zu kommen. Die besonderen Belastungen bei Alleinerziehenden sind als solche Probleme zu sehen, ebenso finanzielle Notlagen mit der Tendenz zu Überschuldung und / oder Verarmung, aber auch massive und dauerhafte Konflikte zwischen Elternteilen, insbesondere, wenn sie mit Gewaltanwendung verbunden sind. Ebenso psychische Erkrankungen der Eltern oder eines Elternteils und nicht zuletzt, wenn in Familien eklatante Fehleinschätzungen zu erzieherischen Verhaltensmodellen bestehen. Dass sich solche Probleme verschärfen, wenn sie kumulativ auftreten, ist allenthalben bekannt. Um so wichtiger erscheint es, dass durch Beratung und praktische Unterstützung möglichst früh Fehlentwicklungen bzw. Überforderung verhindert werden, auch und nicht zuletzt durch bedarfsgerechte (Familien-) Bildungsimpulse.

16. Ein vielfältiges Angebot zur Aneignung erzieherischer Kompetenzen schaffen.

Es gilt, ein vielfältiges Angebot zur Stärkung und Aneignung erzieherischer Kompetenzen zu schaffen, das sich grundsätzlich an alle Familien richtet und dessen Nutzung zu einer Selbstverständlichkeit aller Familien wird. Unterstützungs- und Beratungsangebote sollen dabei an den Alltagserfahrungen von Familien anknüpfen und Grundfragen der Erziehung, der Entwicklungspsychologie, der Gesundheit, des Umgangs mit Krisensituationen und Fragen der Gewaltprävention beinhalten. Sie sollen integrativ nach innen in die Familien und nach außen in die Gesellschaft wirken.
   
Es bedarf vielfältiger Formen und Methoden, die sich durch die Zusammenarbeit und Vernetzung unterschiedlicher Träger, Organisationen und Einrichtungen auszeichnen, damit die vielfältigen Lebensbereiche, Lebensformen und -probleme von Familien Beachtung und in ihrem Alltag Unterstützung finden. Die unterschiedlichen Zugangswege und Kompetenzen der relevanten Einrichtungen, Handlungsfelder und Professionen sollten dabei genutzt werden, also Hebammen ebenso wie Kinderärzte, Gesundheitsämter ebenso wie Kindertagesstätten und Horte. Die Schulen gehören dazu, die Familien- und Erziehungsberatungsstellen, die Arbeitswelt und auch die Medien. Immer wieder ist aber auch zu fragen, inwieweit neben institutionellen Angeboten informelle Systeme  und Bezüge Erziehungskraft fördern können, also Freundeskreis, Nachbarschaft, andere Familien usw..

17. Unterstützung so früh wie möglich.

Die Stärkung von Erziehungskraft muss möglichst frühzeitig beginnen. Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern brauchen besondere Unterstützung beim Aufbau einer sicheren Eltern-Kind-Beziehung, bei der Pflege, Versorgung und Erziehung ihrer Kinder. Beratungs- und Informationsangebote für die ersten Lebensphasen des Kindes sollten zum Beispiel verstärkt im Rahmen der insgesamt gut in Anspruch genommenen Geburtsvorbereitungskurse und Früherkennungsuntersuchungen und bei den Diensten von Hebammen angeboten werden. Hier zeigen sich deutlich Schnittstellen zum Gesundheitsbereich, um über die Kooperation der verschiedenen Sozialleistungsträger frühe Hilfen zu ermöglichen und Prävention zu stärken.

Schlussbemerkungen

  • Wer die Erziehungskraft von Müttern und Vätern stärken will, muss deren Kompetenzen respektieren und sie einbeziehen – mehr jedenfalls, als dies bislang üblich ist. Durch konsequente Unterstützung müssen Staat und Gesellschaft vermitteln, dass Erziehung von Kindern Glück und Zufriedenheit vermitteln kann und nicht nur Probleme schafft, dass Kinder nicht als Karrierehindernis wahrgenommen werden, als Armutsrisiko, als Störfaktor.
  • Wo Kinder willkommen sind, sind auch Eltern willkommen! Aber: Wie müssen wir die Lebensbedingungen von Familien und unser Lebensumfeld gestalten, damit Kinder willkommen sind? Eine Welt, die Lebensqualität für Kinder aufweist, hat auch Lebensqualität für erwachsene Menschen. Das Umgekehrte gilt nicht immer.
  • Eltern sind lernfähig, aber nicht belehrbar. Wir müssen Räume und Gelegenheit geben, dass sie ihre Erziehungskompetenz erweitern können.
  • Erziehung lernt man kaum auf Reserve, sondern in der Praxis. Wir müssen die nötigen Gelegenheiten für Support und Austausch schaffen.
  • Wir haben Sorge zu tragen für Kinder, deren Eltern die Herausforderung von Erziehung trotz aller Unterstützung nicht zu bewältigen scheinen. Dabei ist ihre emotionale Beziehung zu ihren Eltern zu respektieren und zu schützen.
  • Institutionen, die Defizite an Eltern feststellen, sollten bedenken, dass es bei ihnen intern manchmal nicht besser zugeht als in Familien. Professionalität zeigt sich auch in Toleranz und Bescheidenheit.
  • Auch Institutionen, Behörden etc. haben Krisen, Verständigungsprobleme, verhalten sich zuweilen nicht gemäß ihren eigentlichen Zielsetzungen. Machen wir also den Familien keine falsche Perfektion vor.

Potsdam, den 15. September 2006

Ansprechpartner und -partnerinnen:

  • für die Niederlande:  Herr Prof. Dr. Paul Vlaardingerbroek
    Holländischer Familienverband, Universität Tilburg
  • für Deutschland: Herr Thomas Mörsberger
    Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), Stuttgart
    Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF), Heidelberg
  • für die Schweiz:  Herr Dr. Heinrich Nufer
    Marie Meierhofer-Institut für das Kind, Zürich
  • für Österreich: Frau Mag. Martina Staffe
    Bundesministerium für Soziale Sicherheit und Generationen, Wien

Redaktion:
Frau Tanja Grümer
Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe - AGJ, Berlin



(1) Wie es der Tradition der alle zwei Jahre stattfindenden Arbeitstagungen entspricht, wurde die Tagung auch dazu genutzt, sich umfassend über die Entwicklung im Bereich der Jugendhilfe und insbesondere des Jugendrechts auszutauschen. Die schriftlichen Berichte können bei Bedarf angefordert werden bei der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe - AGJ, Mühlendamm 3, 10178 Berlin. Sie sind im Internet abrufbar unter www.agj.de.

(2) Im Rahmen der Fremdunterbringung erfolgt Erziehung unmittelbar durch die Jugendhilfe.

(3) Vgl. Beschluss der Jugendministerkonferenz Deutschlands 2003 zur Eltern- und Familienbildung – Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern.

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